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Die Lernsoftware verbindet einen spielerischen Anreiz mit gezielter Sprachförderung.

INA-Kita Berlin 2006

Schlaue Mäuse mit Lautsprecher

Von den Gardrobenhaken baumeln 139 weiße Turnbeutel, aus den Zimmern schallt Kinderlachen. Über vier Etagen erstrecken sich die Räume der INA-Kindertagesstätte im Berliner Stadtteil Wedding.

Im zweiten Stock sitzen zwei fünfjährige Mädchen an einem Tisch neben der Spielecke und blicken konzentriert auf den Computerbildschirm eines Tablet PC. „Los, tipp mal das Mäusetheater an“, sagt Jasmin, und ihre Freundin Rabia klickt auf eine der bunten Abbildungen, die auf dem Schirm zu sehen sind. „Nimm den grünen Pinsel, und streiche damit den Stuhl grün an“, ertönt es aus den Computerlautsprechern.
Rabia befolgt die Anweisungen der blechernen Stimme und zieht den grünen Pinsel mithilfe des Computerstifts in Richtung eines abgebildeten Stuhles. „Mi, Ma, Maus, das Zimmer sieht gut aus“, singt die Stimme lobend, und die beiden Mädchen freuen sich. „Jetzt bin ich dran“, sagt Jasmin.

Rabia und Jasmin sind nicht die Einzigen, die in Deutschland mit der Schlaumäuse Lernsoftware spielen. Rund 30 000 Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren verbessern mithilfe der Software ihre Schreib- und Sprachfertigkeit. Entwickelt wurde das Programm für Microsoft von der Berliner Professorin Barbara Kochan und der ComputerLern-Werkstatt Leiterin der TU Berlin, Elke Schröter.

Ob mit „Robi schlau“, dem „Hörwürfel”, der „Wippe” oder beim „Sandkastenspiel” – auf dem virtuellen Spielplatz der Software lernen die Kinder spielerisch den Umgang mit Sprache und Schrift und erwerben gleichzeitig erste Computerkenntnisse. „Durch Werkzeuge wie ‚Lautsprecher’ oder ‚Stethoskop’ wird die Schrift hörbar, und jedes Kind kann sich individuell an die geforderten Lösungen herantasten und so von seinem persönlichen Niveau aus Fortschritte machen. Das Programm basiert auf dem Konzept des entfaltenden Lernens. Es denkt mit den Kindern mit, das ist einmalig“, erklärt die Entwicklerin der Schlaumäuse, Barbara Kochan. Noch ein Vorteil des Lernprogramms: „Die Software löst eine Ich-will Situation aus, statt einer Ich-muss-Situation, was die Motivationsbereitschaft der Kinder erhöht“, erklärt Kochan. Scheu vor technischen Geräten kommt gar nicht erst auf: „Es ist erstaunlich, wie schnell sich die Sprösslinge an den Computer gewöhnen. Sie probieren ohne Hemmschwellen einfach aus“, sagt Erzieherin Bärbel Mende von der Weddinger Kita.

Ohne Stress oder Druck darf jedes Vorschulkind in der INA-Kita bis zu 25 Minuten täglich mit den Schlaumäusen spielen. „Überfordert wird es damit nicht. Wenn ein Kind nicht mehr am Computer spielen möchte, hört es auf“, sagt die stellvertretende Leiterin, Simone Jung. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die meisten Kinder eher unterfordert sind, weil ihnen die Erwachsenen zu viel abnehmen.“ Inzwischen spielen Simay und Karim mit den Schlaumäusen. Sie haben das Rätselbuch ausgewählt: Auf dem Bildschirm erscheinen ein Lastwagen und vier graue Mäuse. „Was ist das?“, fragt die Computerstimme. Karim klickt auf eine graue Maus. „Ein Motorroller“, sagt diese. Simay erklärt: „Jetzt musst du noch eine graue Maus antippen.

Eine von den vier Mäusen weiß immer die richtige Antwort.“ Sie kennt sich schon sehr gut mit dem Lernprogramm aus und hat sogar ihren drei älteren Geschwistern einiges voraus: „Während Simay ein deutsches Gedicht für ihren Papa auf Türkisch übersetzen kann, haben meine anderen Kinder damit Schwierigkeiten“, sagt ihre Mutter, Nurdan Yordamli. Den Erfolg der Software sieht Anette Baumann, Leiterin der INA-Kita, vor allem im kindgerechten Aufbau der Schlaumäuse. „Die Schlaumäuse-Software
bringt ihnen nicht nur Sprechen bei, sondern schult gleichzeitig ihre Teamfähigkeit und nimmt Ängste“, sagt sie. Was die Erzieherinnen noch beobachten: „Egal, welche Muttersprache die Kinder haben. Wenn sie mit den Schlaumäusen spielen, unterhalten sie sich auf Deutsch.“

Und das ist wichtig, denn 25 Prozent der in Deutschland geborenen Kinder stammen aus Migrantenfamilien, viele haben Probleme mit der deutschen Sprache. „Bei ihnen zu Hause wird eine Fremdsprache oder ein Sprachmix gesprochen. Manche Kinder kamen hierher und sagten lange kein Wort – weder in ihrer Muttersprache noch auf Deutsch“, erzählt Erzieherin Bärbel Mende. Aber nicht nur ausländische Kinder haben mit Sprachbarrieren zu kämpfen, sondern auch viele deutsche. „In den Kitas, in denen wir die Schlaumäuse-Software getestet haben, gehörten bis zur Einführung der Microsoft-Bildungsinitiative 40 Prozent der nicht deutschen Kinder sowie zehn Prozent der deutschen zu der Risikogruppe, die den Eignungstest der Grundschulen nicht bestehen würde“, betont Barbara Kochan.

Eine Problematik, die heute eine immer größere Rolle in der politischen Diskussion spielt. Laut einer Studie des Ifo-Instituts zählt Deutschland zu den Ländern, in denen die Leistungen von Schülern am stärksten von ihrem familiären Hintergrund abhängen. In anderen Ländern wird diese Ungleichheit durch eine frühkindliche Förderung aufgefangen. Laut einer internationalen Vergleichsstudie der OECD (Organisation for Economic Cooperation and Development) gibt kaum ein anderer der 30 OECD-Staaten so wenig Geld für vorschulische Bildung aus wie Deutschland: nur 0,4 Prozent des Bruttosozialprodukts. Frankreich investiert mehr als doppelt so viel in die Förderung im Kindergarten.

Gründe für Microsoft, aktiv zu werden: Zusammen mit den Verantwortlichen des Modellprogramms „E & C – Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten“ wurden 2003 und 2004 bundesweit 200 Kitas in sozial benachteiligten Regionen ausgewählt. Als Teilnehmer des Pilotprojekts wurden diese Kitas mit Schlaumäuse-Software ausgestattet und die Erzieherinnen und Erzieher geschult. Schirmherrin Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen ist vom Erfolg überzeugt: „Das Schlaumäuse-Programm hilft Kindern, die zu Hause nicht die Chance haben, die Sprache zu lernen, die ihnen zu Bildung verhilft. Es ist richtig, dass die Initiative hier ansetzt und über das Spiel die Sprache eröffnet.“

Die wissenschaftliche Projektbegleitung beweist: Mit der Schlaumäuse-Software lernen die Vorschulkinder besser und schneller Deutsch. 75 Prozent der Erzieherinnen gaben sogar an, die Kinder hätten das Schreiben von Buchstaben erlernt. „Das Programm ist eine wirklich gute Vorbereitung auf die Schule“, sagt Bärbel Mende. Auch die Eltern sind begeistert: Die Mutter des kleinen Karim, Jeannine Grün-Yildirim, hebt hervor: „Ich bin froh, dass mein Sohn in der Kita nicht nur bastelt, sondern auch Sprache spielerisch entdeckt.“ Einen weiteren Erfolg konnte die Software auf der Frankfurter Buchmesse 2006 für sich verbuchen: Von einer Expertenjury wurde sie dort mit der Goldenen GIGA-Maus als beste Software des Jahres 2006 ausgezeichnet.

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