Die neue Software ist optimiert für Touch-Funktionen, kann aber ebenso mit Maus und Tastatur genutzt werden.

Prof. Dr. Mannhaupt

Neue Formen des Lernens

Als Experte für Grundschulpädagogik und Kindheitsforschung begleitet Professor Dr. phil. Gerd Mannhaupt von der Universität Erfurt die Test- und Einführungsphase der neuen Schlaumäuse-Version.

In einem Interview gibt das Schlaumäuse-Beiratsmitglied interessante Einblicke in seine wissenschaftliche Arbeit und erläutert die Sprachentwicklung von Vorschulkindern in Deutschland.
Wie sind Sie auf die Schlaumäuse aufmerksam geworden?
Ich kenne die Schlaumäuse schon länger, da wir in regelmäßigen Abständen Hochschulseminare zum computergestützten Lernen in der Grundschule veranstalten. Die „Schlaumäuse„ waren eines von vielen Lernprogrammen, mit dem wir uns intensiv auseinandergesetzt haben. Die Studenten mussten die einzelnen Programme erarbeiten, vorstellen und diskutieren. Durch die pfiffige Aufbereitung der Schlaumäuse gehört die Software sicherlich zu den führenden Lernprogrammen im Vorschulbereich.

Sie begleiten die Entwicklung der dritten Schlaumäuse- Version auf wissenschaftlicher Ebene. Was ist das spannende an dieser Arbeit?
Besonders reizvoll ist es, neue Spiele, Übungen und Aktivitäten zu planen, die die Kinder gezielt fördern. Es ist spannend mitzuerleben, wie sich die Entwicklung des computergestützten Lernens verändert und welche neuen Formen des Lernens sich dadurch ergeben. An diesem Fortschritt möchte ich teilhaben. Mithilfe der Kinect-Technologie werden die Kinder zukünftig vielfältige Möglichkeiten haben, um den Computer zu bedienen. Das bedeutet, dass sie nicht mehr länger vor der Tastatur sitzen bleiben müssen, sondern das Programm beispielsweise mit ihren Gesten steuern können. Gerade für Vorschulkinder wäre dies ein großer Vorteil.
Wie gestaltet sich die wissenschaftliche Begleitung?
Dazu gehört zum einen die Überarbeitung der verschiedenen Spiele und Übungen. Zum anderen möchten wir die Lernentwicklungen der Kinder begleiten und genau erfassen. Das heißt, dass wir in spezifischen Untersuchungen herausfinden wollen, wie wirksam die Schlaumäuse tatsächlich sind. Um dies festzustellen, könnte man zum Beispiel in Einrichtungen, die sich für eine Einführung der Software interessieren, die Sprachentwicklungen der Kinder erfassen und sich genau das Vor- und Nachher anschauen. Denkbar ist auch, Schlaumäuse-Kindergärten mit Einrichtungen zu vergleichen, die das Lernprogramm nicht zur Sprachförderung einsetzen.

Wie schätzen Sie die Sprachkompetenz von Kitakindern in Deutschland ein und welche Tendenzen erwarten Sie?
Es gibt gesellschaftliche Beschwerden, alles sei schlechter geworden. Fragt man Lehrkräfte geben diese oft an, dass die Kinder früher besser gesprochen haben. Wir Entwicklungspsychologen und Jugendforscher glauben das nicht. Es gibt keine generationsübergreifenden Studien zum Thema Sprachentwicklung. Wir haben uns im Laufe der Zeit zur Bildungsgesellschaft entwickelt und achten dementsprechend stärker darauf. Man kann davon ausgehen, dass die Kinder, die heute zur Schule gehen, sprachlich besser aufgestellt sind, als das noch vor Jahrzehnten der Fall war. Aus dem Bereich der kognitiven Entwicklung wissen wir, dass jede Kindergeneration intelligenter wird als ihre vorangehende Generation. Die Möglichkeiten - gerade in den Industrieländern - kognitive Anregungen zu bekommen sind so vielfältig, wie noch nie. Damit verbunden ist gleichzeitig, dass auch die Anforderungen mit jeder Kindergeneration deutlich steigen.

Was muss ein Lernprogramm bieten, um bei Vorschulkindern Lernerfolge zu erzielen?
Eine große Aufgabe ist es, über den ersten Neuigkeitseffekt die Motivation der Kinder aufrechtzuerhalten. Das lässt sich über verschiedene Maßnahmen erreichen. Neben einer altersgemäßen Animation ist es wichtig, dass sich die Anforderungen der Spiele immer an den Leistungsmöglichkeiten der Kinder orientieren. Die Kinder sollen Erfolge erleben, aber auch immer vor neue Herausforderungen gestellt werden, die es zu lösen gilt und die sie aber auch mit ihren Möglichkeiten lösen können.

Warum ist es wichtig, die Sprachentwicklung von Kindern frühzeitig zu fördern?
Spätestens seit der Jahrtausendwende mit Veröffentlichung der Pisa-Studie wird der Sprachentwicklung in Deutschland eine ganz große Bedeutung beigemessen. Wir haben festgestellt und eingesehen, dass die Beherrschung der Sprache eine große Voraussetzung für erfolgreiches Lernen und eine erfolgreiche Teilhabe an der Gesellschaft ist. Mit der Computerisierung ist alles sehr viel schrift- und sprachorientierter geworden. Auch die Entwicklungsbedingungen der Kinder haben sich verändert. Viele von ihnen wachsen nicht mehr in der Kleinfamilie auf. Vielmehr wird ein Großteil der Kinder in institutionellen Einrichtungen in ihrer Entwicklung unterstützt. Diese Kinder erleben sprachliches Lernen nicht in kleinen Einheiten mit zwei oder drei Geschwistern innerhalb der Familie, sondern in einer Kita-Gruppe mit 25 Kindern, die oft nur von zwei Erwachsenen betreut wird. Nicht zu vergessen ist, dass es einen höheren Anteil an Kinderarmut gibt, als früher. Wir haben deutlich mehr Kinder, die unter prekären Bedingungen aufwachsen und von ihren Eltern nur wenig Unterstützung erfahren.

Welchen Bezug haben Kinder zu neuen Medien?
Bereits Vorschulkinder gehen permanent mit neuen Medien um. Jedes Kind von fünf, sechs Jahren ist in der Lage den Fernseher zu bedienen. Die Schlaumäuse fördern die Möglichkeit, sich mit dem Computer auseinandersetzen, den sie längst von zuhause kennen. Zunehmend wird die Schwelle zu klassischen Medien, wie Büchern sinken. In Kitas wird es zukünftig große Displays in Farbe geben, mit deren Hilfe sich die Kinder Bücher vorlesen lassen können- von Erwachsenen oder aber den elektronischen Geräten.

Die neuen Schlaumäuse sollen mit Hilfe der Kinect-Technologie auch Bewegungsabläufe integrieren. Was halten Sie von diesen Neuerungen?
Bei der Auseinandersetzung mit Sprache muss man wissen, dass Bewegung immer kognitive Ressourcen benötigt. Ich würde bei den Schlaumäusen eine Gestensteuerung begrüßen. Anstatt vor dem Rechner zu sitzen, könnten sich die Kinder vor den Bildschirm stellen und interagieren. Das wäre eine prima Sache. Ein großer Gewinn wären ebenfalls große Tasten auf dem Touchscreen. Und der nächste Schritt wäre es, über große Gesten zu sagen, welche Antwort ich als Kind meine.

Das digitale Zeitalter nimmt Einfluss auf das tägliche Leben. Welche Auswirkungen hat es auf die Kinder?
Heutzutage wachsen Kinder ganz selbstverständlich mit modernen Technologien auf. Der Umgang mit neuen Medien wirkt sich erst dann negativ auf die Kinder aus, wenn die sozialen und kommunikativen Auseinandersetzungen mit den Spielkameraden oder der Familie darunter leiden. Das hat es vor über hundert Jahren beim Buch gegeben. Auch dem Buch ist vorgeworfen worden, dass Kinder sich damit sozial isolieren. Solche Kinder – quasi negative Bücherwürmer – gibt es immer noch. Sie ziehen sich so in die Welt der Bücher zurück, dass sie ihre sozialen Fähigkeiten nicht entwickeln können. Aus dem Sprachbereich wissen wir ebenfalls, je höher der Fernsehkonsum im Kleinkind- und Vorschulalter ausfällt, desto schlechter sind die Sprache und auch die kognitive Entwicklung. Fernsehen ist eben kein interaktives Medium. Spiele wie die Schlaumäuse bieten da im Vorschulalter mehr Möglichkeiten. Sie regen Kinder zu sprachlichem Handeln an und geben darauf hin Rückmeldung.