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Spiele wie die Schlaumäuse regen Kinder zu sprachlichem Handeln an und geben daraufhin Rückmeldung.

Dr. Jörg F. Maas

Deutschland muss wieder Leseland werden

Seit Ende der Achtziger Jahre setzt sich die Stiftung Lesen für mehr Lesefreude und Lesekompetenz in Deutschland ein. In enger Zusammenarbeit mit Partnern aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Verbänden initiiert sie dafür Projekte und Programme und schafft Netzwerke.

Dr. Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, über die Vision, wie Deutschland wieder zum Leseland werden könnte.
Lesen die Kinder in Deutschland nicht gerne?
Kinder, und nicht nur diese, lesen leider zu wenig. In Deutschland leben aktuell 7,5 Millionen funktionale Analphabeten. Jeder fünfte 15-Jährige verfügt hierzulande nur über rudimentäre Lesekompetenz und nur jeder vierte Deutsche liest regelmäßig ein Buch. Das sind alarmierende Zahlen, wenn man bedenkt, dass Lesen der Schlüssel zu Bildungsfähigkeit, persönlicher Entwicklung, schulischem und beruflichem Erfolg und gesellschaftlicher Teilhabe ist. Das heißt aber auch, dass Deutschland schon lange nicht mehr das Land der Dichter und Denker ist.

Wie kann man die Leselust wecken?
Um insbesondere Kinder und Jugendliche zum Lesen zu motivieren, muss zunächst die Freude am Lesen geweckt werden. Denn Kinder machen nur das gerne und oft, was ihnen auch Spaß macht. Man kann sagen: Die Vermittlung von Lesefreude ist der notwendige erste Schritt, um Lesekompetenz zu stärken.

Haben sich die Vorlesegewohnheiten in Deutschland verändert?
In vielen Familien sind heute beide Elternteile berufstätig. Die Doppelbelastung von Beruf und Familie hat Auswirkungen auf das gesamte Familienleben – also auch auf die Vorlesegewohnheiten. Studien belegen, dass heute in zwei von fünf Familien die Eltern nicht mehr regelmäßig vorlesen. Dadurch fehlen vielen Kindern die Lesevorbilder. Auf der anderen Seite empfinden viele Jungens das Lesen als ‚uncool’, weil für sie Lesen ‚weiblich’ ist. Tatsächlich sind es meistens die Mütter, Erzieherinnen oder Großmütter, die den Kindern vorlesen. Um mehr Männer zum Vorlesen zu animieren, haben wir in Hessen das Pilotprojekt ‚Mein Papa liest vor’ gestartet. Dazu kooperieren wir inzwischen mit über 100 Unternehmen. In deren Intranetseiten stellen wir regelmäßig Texte, die die Männer nur herunterladen müssen und dann zuhause vorlesen können. Mit diesem Projekt stärken wir die Rolle der Väter und schaffen bei den Kindern Bildungsvoraussetzungen.
Wie beeinflusst die Lesekompetenz das Leben eines Menschen und warum ist das Vorlesen wichtig für die Bildungsentwicklung eines Kindes?
In der Vorlesestudie 2011 haben wir Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 19 Jahren befragt, um etwas über die längerfristige Bedeutung des Vorlesens und Erzählens in ihrer frühen Kindheit zu erfahren. Die Ergebnisse waren eindeutig: Kinder und Jugendliche, denen vorgelesen und erzählt worden ist, haben im Durchschnitt um eine Drittel Note bessere Schulerfolge als Kinder und Jugendliche, denen nicht vorgelesen worden ist - und das nicht nur in Deutsch und Fremdsprachen, sondern auch in Mathematik, Musik oder Sport.
Die besseren Leistungen, die sich unabhängig vom Bildungsniveau der Eltern systematisch zeigen, beruhen u.a. darauf, dass Kinder und Jugendliche, denen vorgelesen und erzählt worden ist, heute selbst lieber, häufiger und intensiver lesen als Gleichaltrige ohne Vorleseerfahrung.

Welche Projekte führt Stiftung Lesen speziell in Kindergärten durch?
Gemeinsam mit der deutschen Bahn und dem Carlsen Verlag haben wir den Vorlesekoffer „Alle Kinder dieser Welt“ für Kitas entwickelt. Der wichtigste Bestandteil ist eine neunteilige Buchreihe, die Freundschaftsgeschichten von deutschen Kindern und Kindern mit ausländischen Wurzeln erzählt. Seit Anfang 2011 sind alle 9.000 Kitas in NRW mit dem Koffer ausgestattet worden. Eine bundesweite Ausweitung ist geplant. Neben diesem Projekt bieten wir auch Weiterbildungsprogramme für Erzieherinnen und Erzieher im Bereich Sprach- und Lesekompetenz an. Wir können nicht allen Kindern in Deutschland einen Kitaplatz anbieten und dabei nicht genügend gut ausgebildetes Personal haben.

Microsoft ist neues Mitglied in Ihrem Stifterrat. Wie ist es zu dieser Kooperation gekommen?
Wir gehen von einer Gleichwertigkeit aller Medien aus. Das heißt, wir sehen klassische Bücher und digitale Medien nicht als Gegensätze an sondern als sinnvolle Ergänzungen. Gerade für Kinder sind digitale Formen ein natürlicher Bestandteil ihres Lebens, über die sie Informationen aufnehmen. Die Schlaumäuse-Initiative beweist, dass Microsoft erkannt hat, wie viel Potenzial es für die Leseförderung in diesem Bereich gibt. Von daher lag es nahe, gemeinsam mit Microsoft nach Wegen suchen, die Leselust in Deutschland zu steigern.

Was versprechen Sie sich von dieser Zusammenarbeit?
Die Stiftung Lesen ist der zentrale Netzwerkpartner für Leseförderung in Deutschland. In dieser Rolle wollen wir möglichst viele verschiedene Partner mit einer großen Reichweite mit ins Boot holen, um möglichst viele Zielgruppen zu erreichen. Denn es ist nicht allein nur die Aufgabe der Bildungsinstitutionen, Deutschland wieder zum Leseland zu machen. Hier müssen alle Akteure gemeinsam nach Wegen suchen.

Mit der Schlaumäuse-Initiative unterstützt Microsoft seit mehr als acht Jahren den spielerischen Zugang zur deutschen Sprache bei Vorschulkindern mithilfe einer Lernsoftware. Wie schätzen Sie das Lernprogramm ein?
Wir glauben, dass man mit Hilfe neuer Medien noch mehr Menschen für das Lesen begeistern kann, vor allem diejenigen, die mit dem klassischen Buch nur schwer zu erreichen sind. Elektronische Medien bieten einen guten Einstieg ins Lesen und üben einen großen Reiz auch auf sogenannte „Lesemuffel“ aus. Von daher steckt in digitalen Lernprogrammen wie „Schlaumäuse“ ein großes Potenzial. Sie haben eine niedrige Hemmschwelle, üben den Reiz der Technik und die Möglichkeit des individuellen und maßgeschneiderten Lernens aus. Einer Studie in Hessen zufolge ist der Lesezugang nicht bei allen Kindern gleich. Gerade Jungen müssen anders angesprochen werden. Durch die Schlaumäuse finden sie einen spielerischen Zugang zum Lesen, auf den sie vielleicht stärker reagieren als auf Bücher.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Wir haben die Vision, aus Deutschland wieder ein Leseland zu machen. Mit den Leseimpulsen legen wir die Basis für eine Bildungsvoraussetzung, die sich hinterher nicht mehr kompensieren lässt und wer langfristig 7,5 Millionen Analphabeten reduzieren will, muss heute bei den Kindern beginnen.