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Entscheidend ist, das individuelle Kind im Blick zu haben.

Prof. Dr. Claudia Mähler

So werden aus Kindergartenkindern gute Grundschüler

Sind Schulleistungen vorhersehbar? Entscheidet die Intelligenz eines Kindes über den Schulerfolg oder gibt es möglicherweise wichtigere Faktoren? Psychologen der Universität Hildesheim untersuchen seit 2008 unter der Leitung von Prof. Dr. Claudia Mähler (Universität Hildesheim) und Prof. Dr. Dietmar Grube (Universität Oldenburg), welche Kompetenzen für spätere Schulleistungen entscheidend sind.

200 Kinder aus 15 verschiedenen Einrichtungen werden seit ihrem Eintritt in den Kindergarten halbjährlich getestet. Dr. Claudia Mähler gibt einen spannenden Einblick in die Forschungsergebnisse.
Seit 2008 haben Sie 200 Kinder vom Start in den Kindergarten bis zum Übergang in die Grundschule wissenschaftlich begleitet. Was ist das Ziel dieser Studie?
In der Langzeitstudie wollten wir herausfinden, welche kognitiven Kompetenzen, wir nennen das Vorläuferfähigkeiten, in der frühen Kindheit für spätere Schulleistungen insbesondere im Lesen, Schreiben und Rechnen entscheidend sind. Wichtige Vorläuferfähigkeiten sind beispielsweise das Wissen über Mengen und Zahlen. Im sprachlichen Bereich ist die sogenannte phonologische Bewusstheit, das heißt, die Sensibilität für die Laute der Sprache, für Reime oder Silben von großer Bedeutung. Alle sechs Monate werden die teilnehmenden Kinder getestet. Mittlerweile sind sie im zweiten Schuljahr, sodass wir wichtige Erkenntnisse über die Entwicklungsverläufe gewinnen konnten.

Welches Ergebnis hat Sie besonders beeindruckt?
Anders als früher angenommen hat weniger Intelligenz, sondern die Leistung des Arbeitsgedächtnisses Einfluss auf spätere Schulleistungen. Kinder, die bereits sehr gute Arbeitsgedächtnisleistungen im Vorschulalter erbringen, schneiden besser in den Vorläuferkompetenzen ab. Sie haben stärker entwickelte numerische und phonologische Kompetenzen und zeigen insgesamt eine stabile Entwicklung auf.

In welchem Alter bildet sich das Arbeitsgedächtnis aus?
Es bildet sich von Geburt an. Auch Babys sind bereits in der Lage, über einen kurzen Zeitraum Gedächtnisleistungen zu erbringen und können sich kurz an etwas erinnern. Im Laufe der frühen Kindheit nimmt die Gedächtnisspanne immer weiter zu. Die Gedächtnisfähigkeit der einzelnen Kinder unterscheidet sich jedoch voneinander. Nicht alle Kinder können sich gleich gut an Zahlen, Wörter oder Bilder erinnern und das Gehörte oder Gesehene anschließend wiedergeben.

Können computergestützte Lernprogramme wie die Schlaumäuse-Lernsoftware dazu beitragen, das Arbeitsgedächtnis der Kinder zu trainieren?
Wir können noch nicht nachweisen, dass das Arbeitsgedächtnis trainierbar ist. Fest steht, dass es Unterschiede zwischen den Kindern gibt und sich das Ausmaß an numerischem und phonologischem Vorwissen erheblich voneinander unterscheidet. Darüber hinaus wissen wir, dass es gut ist, ein ausgeprägtes Arbeitsgedächtnis zu haben und dies möglicherweise wichtiger ist als besonders schlussfolgernd denken zu können, also besonders intelligent zu sein. Das hat man bis jetzt für einen der wichtigsten Einflussfaktoren für den Schulerfolg gehalten. Wir haben aber jetzt sehr klare Hinweise darauf, dass das Arbeitsgedächtnis mindestens genauso wichtig, wahrscheinlich sogar wichtiger ist. Ob und wie das Arbeitsgedächtnis positiv verändert werden kann, lässt sich dagegen noch nicht sagen.

Wie beurteilen Sie den Einsatz von Computern in der frühkindlichen Bildung?
Die Frage ist, was kann ein Computer leisten, was durch die persönliche Interaktion mit einer Erzieherin oder einem Elternteil anders sein könnte. In Bezug auf das Arbeitsgedächtnis können wir zumindest sagen, dass man die Übungen viele, viele Male wiederholen muss. Und das ist natürlich mit dem Computer viel einfacher, weil man in einer relativ kurzen Zeit relativ viele Aufgaben bearbeiten kann und ebenfalls eine unmittelbare und direkte Rückmeldung bekommt. Deshalb kann ich mir den Einsatz eines Computers auch im Vorschulalter vorstellen. Vorausgesetzt, es bleibt nicht der einzige Zugang.

Erzieherinnen müssen eine Menge leisten. Schaffen sie es, überhaupt alle Kinder gleichwertig zu fördern und sie fit für den Schulstart zu machen?
Das ist eine enorme Herausforderung. Erzieherinnen haben einen anspruchsvollen und sehr verantwortungsvollen Beruf. Von ihren diagnostischen Kompetenzen und ihrer Fähigkeit und Bereitschaft, die Kinder im Alltag zu fördern, hängen die Entwicklungschancen der Kinder ab. Für die Ausbildung und Anerkennung dieser Berufsgruppe muss in Deutschland noch viel getan werden. Wir haben in unserer Studie nur die kognitiven Kompetenzen untersucht, aber es gibt natürlich auch Förderbedarf in sozialen Kompetenzen, in den motorischen Kompetenzen und in der Aufmerksamkeitssteuerung oder in der Selbstregulation. All dies sind Bereiche, die für einen guten Schulstart wichtig sind. Es ist eine große Aufgabe für Erzieherinnen, dieses zu leisten.

Was raten Sie den pädagogischen Fachkräften?
Entscheidend ist, das individuelle Kind im Blick zu haben. Es kommt nicht darauf an, allen Kindern das Gleiche allumfassend anzubieten. Die Bedürfnisse und der Unterstützungsbedarf der Kinder sind individuell sehr verschieden. Je besser man das erkennen kann, desto besser kann das Kind im Alltag unterstützt werden.

Wie erkennt ein Erzieher ein Risikokind?
Man muss einen Blick und die Kenntnisse darüber haben, was von einem fünfjährigen oder sechsjährigen Kind zu erwarten ist. Wenn wir das Beispiel numerische Kompetenzen nehmen, dann sollten sechsjährige Kinder das Anzahlkonzept erworben haben. Dies kann durch banale Alltagsfragen geschehen. So kann man zum Beispiel ein Kind fragen, wie viele Schuhe es braucht, wenn es an jedem Fuß einen tragen möchte oder wie viele Finger ein Handschuh haben muss, damit es ihn anziehen kann. Grundschullehrerinnen kritisieren immer öfter, dass Kinder keine Würfelaugen kennen, wenn sie in die Schule kommen. Das heißt, sie haben nicht genug Gelegenheit erfahren, mit Brettspielen umzugehen. Das sind einfache Geschichten, die im Kindergartenalltag umgesetzt werden können.

Wie ist es im sprachlichen Bereich? Was müssen Kinder vor dem Eintritt in die Grundschule beherrschen?
Die Artikulation sollte am Ende des Vorschulalters gelingen. Es ist offensichtlich, wenn Kinder Sprachschwierigkeiten mit der Grammatik oder nur einen sehr begrenzten Wortschatz haben. Der Rückstand müsste dann mit einem objektiven Test ermittelt werden. Auch hier ist die Aufmerksamkeit der Erzieherin im Kindergarten gefragt. Wenn sie erkennt, dass ein Kind eine besondere sprachliche Förderung bedarf, sollte sie diese wichtige Aufgabe rechtzeitig an geschultes Fachpersonal übertragen.

Während der Studie haben Sie die Entwicklungsverläufe von 115 deutschen Kindern mit 52 Kindern mit Migrationshintergrund verglichen. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Kinder mit Zuwanderungsgeschichte haben im Bildungssystem Nachteile gegenüber Kindern deutscher Herkunft, wobei besonders Kinder mit schwachen Deutschkenntnissen betroffen sind. Die Benachteiligung tritt nicht erst mit Schulbeginn ein, sondern beginnt in der Entwicklung schulrelevanter Vorläuferkompetenzen. Trotz vergleichbarer Lernmöglichkeiten während der zwei Jahre im Kindergarten bleiben Kinder mit Zuwanderungsgeschichte in den schulischen Vorläuferkompetenzen hinter den deutschen Kindern zurück. Eine niedrige Arbeitsgedächtniskapazität und Migrationshintergrund sind Risikofaktoren.

Wann werden Sie die Studie beenden?
Die Studie läuft noch bis zum Herbst. Wenn es uns gelingt, die Familien weiter zu gewinnen und auch die Forschungsgelder zur Verfügung stehen, würden wir die Kinder gerne weiter begleiten.