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Welterfahrungen sammeln

Dienstag, 12 September, 2017
Stefanie Hoffmann
Interview
Verständlich, bunt, aber klar strukturiert und mit Bezug zum eigenen Umfeld – das sind nur einige Kriterien, die ein Buch erfüllen sollte, damit es für Erstleser spannend ist und vor allem ihre Leselust anregt, sagt Dr. Astrid van Nahl, Mitbegründerin und Chefredakteurin von Alliteratus.
Auf der Webseite Ihres Onlinemagazines Alliteratus.com veröffentlichen Sie eine Büchertruhe für Kinder unterschiedlichen Alters. Nach welchen Kriterien wählen Sie Buchtipps für Kinder aus, die erste eigene Leseschritte machen?
Unsere „Büchertruhe“ versteht sich nicht direkt als Lesetipp, sondern soll einfach allen die Möglichkeit geben, sich an ein Lieblingsbuch zu erinnern, das es vielleicht gar nicht mehr im regulären Buchhandel gibt. Es sind aber tatsächlich oft Bücher, die mit ersten Leseerlebnissen in Verbindung stehen.

Die Büchertruhe ist also nur ein kleiner Teil unserer Tipps auch für Erstleser. Wir arbeiten hier eng mit den Verlagen zusammen, die gezielt Erstlesereihen anbieten, und erhalten jede Woche persönliche Empfehlungen. Aus dem großen Angebot wählen wir jedes Mal etwas mit einem besonders ansprechenden und nachvollziehbaren Handlungsverlauf aus. Der Umfang muss knapp sein, der Wortschatz einfach genug, die Schrift klar und schnörkellos, die Aufmachung bunt, aber klar strukturiert. Kinder sollen hier ihre ersten „Welterfahrungen“ machen, vieles aus dem eigenen Umfeld wiedererkennen und zudem erfahren, dass man eine spannende Zeit mit einem Buch verbringen kann. Wir durchforsten aber auch Kataloge von kleineren Verlagen, die keine eigenen Erstlese-Reihen anbieten. Hier stößt man oft auf richtige „Perlen“.

Welche Kriterien sind für ein Kind, das erste Leseerfahrungen sammelt, besonders ansprechend?
Ich denke, die Verständlichkeit. Das heißt, zum einen rein „technisch“ mit überschaubarer Länge, Verständlichkeit auch vom Wortschatz her, zum anderen durch einen für das Kind erkennbaren Bezug der Geschichte zur eigenen Realität, zum Alltag, zur Familie, zu Freunden oder kurz; zur „Geschichte der Welt um das Kind herum“.

Wie würden Sie ein Kind zum Lesen motivieren, wenn dieses kaum eigenes Interesse zeigt?
Hier haben wir viele Beispiele aus der eigenen Familie, dem Freundes- und Bekanntenkreis und auch in Familien einiger unserer jüngeren Mitarbeiter. Alle Kinder, die mit Bilderbüchern und Vorlesen groß geworden sind, glitten sozusagen wie selbstverständlich in das Selberlesen hinein und konnten es ohnehin kaum erwarten, lesen zu können, weil sie damit ihren eigenen Tag auf einmal anders strukturieren konnten. Nicht mehr warten müssen, bis einer Zeit hatte vorzulesen.

Da wir mit einigen Schulbüchereien intensiv zusammenarbeiten, haben wir auch die Erfahrung gemacht, dass Sachbücher ein guter Einstieg sind. Kinder sind von Natur aus neugierig, und wenn sie Zusammenhänge auf einmal im Buch selbst entdecken können, ist das ein nicht zu unterschätzender Leseanreiz. Man kann aufgrund des großen Angebots für Erstleser auch gezielt versuchen, Sachthemen von besonderem Interesse des Kindes in erzählenden Geschichten wiederzufinden und damit einen weiteren Anreiz zu schaffen.

Bei meinen eigenen Kindern waren seinerzeit Hörbücher und Hörspiele einer der größten Anreize. Sie haben sie so oft gehört, dass sie sie noch heute teilweise auswendig aufsagen können. Erich Kästner stand ganz hoch im Kurs und wir haben dann später andere Kinderbücher von ihm gekauft, die genauso begeistert verschlungen wurden.

Andere Wege wären z.B. Bilderbücher mit sehr kleinem Textanteil oder Lese-Bücher mit Lückentexten. Diese kann man auch schon vorher beim Vorlesen imitieren und das Kind so am „Lesen“ beteiligen; auch Spiele, Apps und Kurzfilme mit optischem Textteil sind eine gute Möglichkeit.

Können digitale Medien wie Lernspiele (siehe Schlaumäuse) das Leseverhalten bei Kindern fördern?
Ja, heutzutage sicherlich, wenn die digitalen Medien gezielt eingesetzt werden und man die Nutzungsdauer kontrolliert; hier kann man gezielt auf die bereits angesprochene natürliche Neugier von Kindern setzen und bei Lernspielen haben Kinder in der Regel auch immer gleich einen sichtbaren Erfolg („Belohnung“).

Interaktive Geschichten zusammen mit den Eltern zu entdecken macht zumindest den Kleinen viel Spaß. Ich glaube allerdings, dass der Umstieg vom E-Learning in Richtung Buch – sei es in der Printversion oder als eBook – nicht automatisch erfolgt, es muss schon eine gezielte Überleitung zu konventionellem Lesen erfolgen, mit ausdrücklicher Unterstützung durch Eltern, Schule etc. Nachfrage kann nur da entstehen, wo es ein Angebot gibt.

Viele Eltern fragen sich, ob es ein ganz "normaler" Zustand ist, wenn ein Kind nur mühsam beim Lesen vorankommt. In welchem Alter wird eine Leseschwäche kritisch?
Bei solchen Entwicklungen im Kindesalter bereits einen Maßstab anzulegen scheint mir verfehlt. Stärken entwickeln sich allmählich. Vor 20, 30 Jahren begann der Leseunterricht konzentriert erst in der Grundschule, im Alter von 5, 6, und 7. Seither ist die Evolution der Menschen kaum so weit vorangeschritten, dass vermeintliche Leseschwächen im Alter von 7 oder 8 Jahren tatsächlich „Schwächen“ wären.

Unterschiedliche Entwicklungen in Tempo, Neigung und Fähigkeit sind völlig normal und sollten nie als Ausdruck von Dummheit oder Unfähigkeit oder Faulheit vermittelt werden. Nur wenn Anzeichen echter Schwächen erkennbar sind, sollte man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, aber immer motivationsbetont.

Wie können Eltern ihren Kindern beim Lesen üben helfen?
Man sollte schon in frühem Alter Freude an der Sprache wecken durch Verse, Wortspiele und anderes; später kann man gemeinsam laut lesen oder gemeinsam digitale Angebote nutzen. Der Akzent liegt auf „gemeinsam“, hier zählt die Zeit, die man miteinander dabei verbringt. Bloße Aufgaben, schlimmstenfalls mit einem „du musst“ verbunden, sind sicherlich der Tod jedes Leseanreizes.

Manchmal kann man Ideen abschauen, sie gegebenenfalls abgewandelt und angepasst umsetzen. In Schweden etwa haben Milchtüten aufgedruckte Texte und Bilder mit interessanten Fakten zu „Gott und der Welt“. Da setzt man auf die schon mehrfach erwähnte Neugier von Kindern, vermittelt häppchenweise spielerisch Fakten und fördert auch noch unbemerkt das Lesen.

Worauf sollten die Eltern bei der Auswahl der Bücher achten, um leseschwache Kinder zu motivieren?
Zunächst rein optisch durch große Schrift, klar strukturierte Seiten, Bilder mit direktem Bezug zum umgebenden Text. Manchmal ist eine Hörbuchfassung als Extra sehr empfehlenswert; das bieten auch manche Bilderbücher.

Zum anderen dann natürlich inhaltlich, indem man besondere Interessen und Hobbys des Kindes (!) berücksichtigt und dann langsam auf „Folgereize“ setzt. Die Anforderungen sollten immer eher niederschwellig beginnen. Wenn Bücher abgelehnt werden, kann man gezielt „praktische Anwendungen“ durchführen: beim gemeinsamen Einkaufen, bei Auswahlmöglichkeiten, Aufschriften auf Lebensmitteln, Beschreibungen von Spielzeug, Gebrauchsanweisungen ...

Und man sollte bei Büchern für Leseanfänger die literarischen Anforderungen nicht zu hoch schrauben. Ich habe als Kind leidenschaftlich die bei meinen Eltern verpönten Donald-Duck- und Micky-Maus-Hefte gelesen, später Jerry Cotton und ähnlichen „Schund“ – und trotzdem bin ich mit einem literaturwissenschaftlichen Thema promoviert worden... Literarischer Geschmack und ein Gefühl für Literatur entwickelt sich erst später.