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In unseren Vorschulklassen bieten wir darüber hinaus einmal in der Woche eine gezielte Sprachförderung mit den Eltern an.

Ohne Worte

Warum bereits Erstklässler in der Grundschule scheitern

Rund 690.000 ABC-Schützen in Deutschland haben voller Stolz mit dem Ranzen auf dem Rücken und der Schultüte im Arm nach den Sommerferien einen neuen Lebensabschnitt begonnen.

Die Vorfreude auf den „Ernst des Lebens“ war bei den meisten Mädchen und Jungen groß. In diesen Tagen vollenden sie ihr erstes Schulhalbjahr. Doch für zahlreiche Kinder folgt auf die freudige Erwartung schon bald die enttäuschte Ernüchterung. Aufgrund mangelnder Sprachkompetenz können sie dem Unterricht nur schlecht folgen. Tanja Mohr, Förderkoordinatorin und Lehrerin für Deutsch und Mathematik an der Hamburger Grundschule Großlohering, erklärt in einem Interview, warum viele Erstklässler bereits kurz nach Schulstart das Nachsehen haben.
In der ersten Klasse steht das Lesen- und Schreibenlernen ganz oben auf dem Stundenplan. Schaffen dies die Kinder mühelos?
Nein, das kann ich leider nicht sagen. In unsere Grundschule gehen sehr viele Kinder, die große Sprachdefizite bei Schuleintritt aufweisen. Das liegt zum größten Teil daran, dass rund 85 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund haben. Das heißt, die Kinder sprechen zuhause überwiegend in ihrer Herkunftssprache. Aber wir haben auch eine Vielzahl deutscher Kinder, die sich nur schlecht artikulieren können.

Wird das mangelnde Sprachvermögen dieser Kinder erst in der Schule erkennbar?
Spätestens im Rahmen der verbindlichen Vorstellung der Viereinhalbjährigen für die Einschulung, bei der großes Augenmerk auf die Sprachentwicklung gelegt wird, werden die Sprachdefizite deutlich. Der Großteil der Kinder in diesem Alter besucht einen Kindergarten beziehungsweise eine Vorschule und durchläuft dort bereits entsprechende Sprachförderungsangebote. Aber das reicht nicht aus, um die Lücken zu schließen.

Wie würden Sie das Sprachvermögen der Kinder an Ihrer Grundschule beschreiben? Was sind die größten Schwierigkeiten?
Die Kinder haben oft nur einen ganz geringen Wortschatz. Für den Unterricht bedeutet dies, dass sie nicht in der Lage sind, die einfachsten Dinge zu benennen. Ihnen fehlen buchstäblich die Worte dafür. Das macht es auch so schwierig, die Kinder zu unterrichten, denn sie können die Arbeitsblätter oftmals nicht richtig bearbeiten, weil sie die Begriffe nicht kennen.

An welchen elementaren Worten scheitern die Kinder bereits?
Zum Beispiel wissen sie nicht, was ein Schaf ist oder ein Huhn oder ein Hahn. Also können sie auch nicht den Anlaut bilden. Oder sie benutzen nicht die richtigen Verben. Sie sprechen zum Teil undeutlich, weil sie die Endungen auch nicht richtig wissen und dann machen sie es nach Bauchgefühl und überlegen sich irgendetwas.

Was sind die Gründe für die unzureichenden Sprachkenntnisse?
In den Familien werden die Deutschkenntnisse nicht ausreichend gefördert. Wenn die Eltern und Geschwister in ausländischen Familien nur in der Herkunftssprache mit den Kindern sprechen, fehlt ihnen die Übung. Bei vielen deutschen Kindern beobachten wir eine Spracharmut innerhalb der Familien. Dort wird ganz wenig mit den Kindern kommuniziert. Und das Wenige, das gesprochen wird, erfolgt meist nur in unvollständigen Sätzen. Es werden weder Bilderbücher zusammen angeschaut, noch Geschichten aus Büchern vorgelesen. Eine gemeinsame Lesezeit, von der Kinder und Eltern gleichermaßen profitieren, gibt es nicht.

Was unternehmen Sie, um die Eltern davon zu überzeugen, dass gute Deutschkenntnisse die unverzichtbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Schullaufbahn ihrer Kinder sind?
Natürlich werden immer wieder Gespräche mit den Eltern geführt, aber es ist schwer zu kontrollieren, was tatsächlich zuhause umgesetzt wird. In unseren Vorschulklassen bieten wir darüber hinaus einmal in der Woche eine gezielte Sprachförderung mit den Eltern an. Gemeinsam mit einer geschulten Sprachpädagogin schauen sich Eltern und Kinder Bilderbücher an, singen Lieder, reimen oder spielen Bildlotterie. Damit versuchen wir, auch den Eltern die deutsche Sprache näher zu bringen. Das bringt schon etwas, aber es ist ganz schwierig, die Eltern auch in die Schule zu bekommen.

Woran liegt das?
Da spielen sicherlich ganz viele Gründe eine Rolle. Manchen Eltern ist es unangenehm, weil sie so schlecht Deutsch sprechen. Andere Mütter und Väter sehen die Notwendigkeit nicht. Sie sind desinteressiert oder mit der gesamten Situation überfordert.

Wie schaffen Sie es als Lehrerin, die Kinder sprachlich fit zu machen?
Die Lehrer an unserer Schule zeigen sehr großes Engagement und haben zum Beispiel eigene Büchereien in ihren Klassenräumen eingerichtet. Um die Regale mit guten Kinderbüchern zu füllen, fahren sie regelmäßig auf Flohmärkte und kaufen auf eigene Rechnung die Bücher ein. Da es viele Kinder gibt, die nur wenige oder überhaupt keine Bücher zu Hause besitzen, wird das Angebot sehr gut von den Schülern angenommen. Neben Sprachförderkursen, die in kleinen Gruppen nach der Schule stattfinden, enthält der Stundenplan feste Lesestunden für jede Klasse. Zusätzlich kommen ehrenamtliche Lesementoren einmal in der Woche in die Schule und schenken jeweils einem Kind Aufmerksamkeit und Zeit. Sie lesen gemeinsam und besprechen anschließend die Bücher und Geschichten. Das trägt dazu bei, das Sprachvermögen zu verbessern.

Sind die Kinder in der Lage, das sprachliche Unvermögen bis zum Ende der Grundschulzeit aufzuholen?
Es gibt durchaus immer wieder pfiffige Kinder, denen dies mithilfe der angebotenen Fördermaßnahmen gelingt. Aber es gibt leider viele Grundschüler, die bis zum Ende der vierten Klasse immer hinterherhinken. Die mangelnden Deutschkenntnisse begleiten sie in den weiterführenden Schulen und letztendlich durch ihr weiteres Leben.