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Die Schule sollte sich bemühen, bei Kindern, die schlecht lesen die Gratifikation des Lesens sichtbar zu machen.

Prof. Dr. Berbeli Wanning

Kinder lernen, schriftlich zu denken

Auf der Fachtagung „Digitale Medien – Chancen für das Lesen“, zu der die Stiftung Lesen und Microsoft im November 2014 eingeladen hatten, hielt Prof. Dr. Berbeli Wanning einen Vortrag zum Thema „Lesestrategien für digitale Medien“.

Die Dozentin der Universität Siegen ist Professorin für deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik.
Verändert der Umgang mit Computern das Schreib- und Leseverhalten von Kindern?
Auf jeden Fall. Auf sozialen Netzwerken gelten andere Normen der Schriftlichkeit als z.B. bei Briefen. Die Posts oder Mailnachrichten werden zwar schriftlich festgehalten, ähneln aber eher einer mündlichen Information. Man nennt dies konzeptionelle Mündlichkeit. Bei vielen jungen Menschen - auch bei Studierenden - sind Defizite in der Beherrschung normativer Schreibformen bemerkbar. Bei Protokollen fehlen dann zum Beispiel wesentliche Elemente. In Bezug auf das Lesen gibt es Vorteile. Personen, die sich abgeschreckt fühlen, wenn sie ein Buch mit 300 Seiten lesen sollen, sehen auf dem Computer immer nur eine Seite und werden dadurch nicht abgeschreckt.

Einen ganz besonderen Vorteil sehe ich aber darin, dass junge Menschen durch den Umgang mit den digitalen Medien viel besser auf ihre Zukunft vorbereitet werden. Sie lernen, „schriftlich“ zu denken. Das heißt, einen Adressatenbezug herzustellen zu Personen, die nicht da sind und deren Reaktionen man bei dieser Art der Kommunikation nicht unmittelbar einschätzen kann. Viele sagen, Kinder und Jugendliche schreiben heute schlechter, aber dafür schreiben sie andauernd, auch dann, wenn sie nicht extra dazu aufgefordert werden.

Stellen Sie eine Veränderung der Sprachkompetenzen im digitalen Zeitalter fest?
In den Schulen sind diese bereits unterschiedlich verteilt, weil es für die einen Schüler die Muttersprache, für die anderen die Zweitsprache ist. Die Sprachkompetenz ist erheblich vom sozialen Aspekt abhängig. Es heißt nicht, dass Kinder, deren Muttersprache deutsch ist, automatisch besser sprechen als Kinder mit Migrationshintergrund. Das hängt vom häuslichen Umfeld ab. In der Schule muss beides gefördert werden, aber der Chancenvorteil der Kinder, die von zuhause aus viel Sprechanregung haben, kann nicht ganz eingeholt werden. Die Kita kann hier aber bereits ganz viel Vorarbeit leisten, indem sie mögliche Defizite rechtzeitig feststellt, und das Kind aus einer nicht anregenden Sprachumgebung besonders fördert. Das kann man leicht feststellen. Häufig sprechen diese Kinder beispielsweise im Imperativ oder nicht in ganzen Sätzen.

Welchen Kindern kann man das Lesen durch digitale Medien schmackhaft machen?
Jungen kann man zum Beispiel leichter für das Lesen mit digitalen Spielen und integrierten Texten motivieren. Sie merken gar nicht, dass sie eigentlich das Lesen üben. Bei vielen Spielen kommt man ohne das Lesen von Textpassagen gar nicht weiter. Das heißt, man benötigt dafür qualitatives Textverständnis. Wer einen Text nicht gleich versteht, kann den Text dann beliebig oft lesen. Vielfach spielen die Kinder die Computerspiele um die Wette und verraten sich deshalb nicht, wie eine Aufgabe zu lösen ist. Von daher muss jeder Spieler alle Texte selber lesen.

Computerspiele belohnen die jungen Nutzer vielfach. Wirkt das motivierend?
Es gibt die Gratifikation des Lesens. Davon spricht man, wenn man beim Lesen Freude empfindet. Manche können schlecht lesen und erreichen diesen Level gar nicht. Computerspiele dagegen haben externe Gratifikationen. Hier gilt es, Punkte oder Geld zu sammeln und die eigentliche Gratifikation durch das Lesen selbst tritt zurück. Aber der Gratifikationsgedanke an sich ist da. Die Schule sollte sich bemühen, bei Kindern, die schlecht lesen oder nicht lesen wollen, die Gratifikation des Lesens sichtbar zu machen. Fakt ist, dass die junge Generation sich ganz anders entwickeln wird, als wir Älteren es getan haben.

Viele Lehrer lehnen die Integration von digitalen Medien im Unterricht ab. Wie würden Sie diese vom Gegenteil überzeugen?
Ich würde sie mit den leseunwilligen Schülern konfrontieren, die man auch nicht mit einer schlechten Note zum Lesen hinführen kann. Dort, wo die Grenzen bei einigen Schülern erreicht sind, weil sie nicht mitkommen oder weil sie sich langweilen, da müssen andere Konzepte probiert werden. Warum nicht einmal digitale Medien einsetzen und einen anderen Weg gehen? Viele Lehrer, die nicht gut mit den Technologien umgehen können, denken, es kratze an ihrer Autorität zu sagen, ich kann das nicht so gut. Aber hier könnten sie die Schüler ins Boot holen und sagen, erklärt mir das. Das wäre der Ansatz Lernen durch Lehren.

Welchen Einfluss hat das Lesen auf die Entwicklung eines Menschen?
Lesemisserfolg kann die Persönlichkeit einschränken. Es ist nachgewiesen, dass es den Gesellschaften, die heutzutage illiterat sind, nicht gut geht. Sie haben weniger Wohlstand. Hierzulande gibt es Untersuchungen, die belegen, dass 17 Prozent der Jungen nicht richtig lesen können. Sie werden später im Berufsleben in unserer modernen Gesellschaft nur geringe Karrierechancen haben, weil sie auch im Denken nicht so geschult sind wie Lesekompetenten. Es ist erwiesen, dass je größer dieser Anteil ist, desto geringer ist der Wohlstand einer Gesellschaft. Wenn sich bei uns diese Werte verändern, wirkt sich das mittelfristig auch auf die Volkswirtschaft aus.

Das Lesen steigert Kompetenzen. Ist es dabei egal, ob man digital liest oder Printmedien?
Ja, der Unterschied ist nur, dass digitales Lesen moderner ist und andere, zusätzliche Anforderungen an die Lesetechnik und die Konzentration stellt. Außerdem ermöglicht digitales Lesen einem Leser mehr. Man kann Artikel über dieselben Themen schnell miteinander vergleichen. Man kann sich Filme dazu anschauen oder Bilder. Man kann Meinungen von anderen abrufen. Digital ist es viel bequemer, an mehr Informationen zu einem Thema kommen. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass Kinder über Internet leicht Zugang zu jugendgefährdenden, also z.B. zu Gewalt verherrlichenden oder pornographischen Inhalten haben. Hier gilt es für alle Erwachsenen, aufmerksam zu sein.