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Sprachkompetenz ist die wohl wichtigste Voraus-setzung, um in der Schule und im späteren Berufs-
leben Erfolg zu haben.

Kita heute

Elementarpädagogik im Wandel

In Deutschland hat sich der Bereich der frühkindlichen Erziehung, Bildung und Betreuung im Laufe der letzten Jahre rasant verändert – das ist das Ergebnis eines aktuellen Positionsberichtes der Deutschen Gesellschaft für Supervision.

Die Anforderungen, die Gesellschaft und Politik an die Leitungs- und Erziehungskräfte stellen, seien danach immens. Sowohl die gesetzlichen Rahmenbedingungen, als auch die pädagogischen Handlungsgrundsätze, nach denen sich die tägliche Arbeit mit den Kindern und Eltern gestaltet, stelle das pädagogische Fachpersonal in Kindergärten und Kindertagesstätten immer wieder vor neue Herausforderungen.

Monika Meierotte, Leiterin des evangelischen Kindergartens „Das Senfkorn“ in Ledde und Reiner Greve, Amtsleiter für Jugend, Kultur, Soziales und Bürgerbüro der Stadt Usingen, beschreiben, welche Auswirkungen die Veränderungsprozesse auf ihre Arbeit haben und zeigen Lösungswege auf.
Erwartungen an die Qualität der pädagogischen Arbeit steigen
Der aktuelle Positionsbericht der Deutschen Gesellschaft für Supervision macht deutlich: Die Elementarpädagogik in Deutschland erfordert eine Neuorientierung. Der Grund: Die Anforderungen an Erzieherinnen und Erzieher wächst stetig, der Ausbau und die Weiterentwicklung der Kindertageseinrichtungen stellen das pädagogische Fachpersonal vor immer komplexere Aufgaben und Herausforderungen. Vor allem die Erwartungen an die Qualität der pädagogischen Arbeit steigen kontinuierlich an.

Innovative Bildungs- und Betreuungskonzepte entwickeln und umsetzen
Erzieherinnen und Erzieher müssen nicht nur ihrem Erziehungs- und Bildungsauftrag nachkommen, sondern auch Eltern beraten, schriftliche Ausarbeitungen anfertigen und Dokumentationen schreiben. Neben der täglichen Arbeit mit Kindern, Eltern und Kollegen sind die Erzieherinnen und Erzieher zusätzlich aufgefordert, vielfältige Ausgangslagen von Kindern zu berücksichtigen.

Dazu zählt beispielsweise eine intensive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen kulturellen und ethnischen Hintergründen – jedes dritte Kind in Deutschland hat mittlerweile einen Migrationshintergrund. Darüber hinaus wird nach den Bildungs- und Orientierungsplänen der Bundesländer von den pädagogischen Fachkräften erwartet, dass sie innovative Bildungs- und Betreuungskonzepte entwickeln und entsprechend umsetzen.

Zunehmender Konkurrenzdruck
Für die Träger haben bei zunehmendem Konkurrenzdruck, die Qualitätsentwicklung und betriebswirtschaftliche Aspekte an Bedeutung gewonnen. Zu diesen Anforderungen kommen die von der Politik und Gesellschaft formulierten Zielsetzungen hinzu, wie zum Beispiel der flächendeckende Ausbau der Bildung und Betreuung der Unter-Drei-Jährigen.

Viele Einrichtungen sind den Veränderungsprozessen nicht gewachsen
Angemessene fachliche und strukturelle Rahmenbedingungen sind erforderlich, um die Komplexität der Anforderungen, die das Arbeitsfeld Elementarpädagogik bestimmen, zu bewältigen. Wie aus dem Positionsblatt der Deutschen Gesellschaft für Superversion hervorgeht, fühlen sich jedoch viele Einrichtungen mit der Fülle an Veränderungsprozessen weitgehend alleingelassen. So führen unterschiedliche Bildungspläne der Bundesländer und nicht zuletzt die wirtschaftliche Lage der Kommunen zu eigenen Strategien und Entwicklungen.

Wie stehen die Betreuungseinrichtungen zu den Entwicklungen?
Welche Auswirkungen die steigenden Anforderungen auf die Einrichtungen haben können und welche Lösungswege es gibt, beschreiben Monika Meierotte, Leiterin des evangelischen Kindergartens „Das Senfkorn“ in Ledde und Reiner Greve, Amtsleiter für Jugend, Kultur, Soziales und Bürgerbüro der Stadt Usingen in einem Doppel-Interview.

Die Anforderungen der Gesellschaft und der Politik an eine Kita und ihre Mitarbeiter wachsen stetig. Was hat sich in den Kindergärten im Vergleich zu früher geändert?
Reiner Greve: „Spätestens seit der Einführung des Bildungs- und Erziehungsplanes in Hessen ist die Bildung der Kinder sehr viel mehr in den Fokus gerückt. Die entscheidende Anforderung erfolgte aber durch die nun geforderte Änderung der Grundhaltung von Erzieherinnen.

Es ist nicht mehr gefragt, Kinder zu animieren und Angebote vorzugeben, sondern die Rolle der Erzieherin wechselte zu einer beobachtenden Rolle. Außerdem gab es eine entscheidende Änderung im Hinblick auf das Bild des Kindes. Nicht mehr die Defizite von Kindern wurden in den Vordergrund gestellt, sondern die Fähigkeiten, Talente und Möglichkeiten von Kindern stehen nun im Fokus und werden gefördert. Hierdurch entsteht ein völlig verändertes Arbeitsumfeld.“

Monika Meierotte: „Die Arbeit der Erzieherinnen hat sich in allen Bereichen verändert. Gemessen an der Verantwortung, der psychischen und physischen Belastung des pädagogischen Personals werden Erzieherinnen nicht gut entlohnt. Trotzdem sind die meisten Erzieherinnen sehr motiviert und bereichern den Kindergartenalltag durch ein überdurchschnittliches Engagement. Jede Erzieherin findet im Laufe der Jahre ihren Weg. Sie wird hier durch ein großes Angebot an Fort- und Weiterbildungsangeboten unterstützt.“

Welche Ansprüche haben die Eltern an die Betreuung ihrer Kinder?
Monika Meierotte: „Eltern haben einen immer höheren Anspruch an die frühkindlichen Bildungseinrichtungen. Wenn ich mir den Terminkalender eines sechsjährigen Kindes einmal anschaue, dann frage ich mich: Wann hat das Kind Zeit zum Spielen?! Die Kinder kommen heute immer früher in die Kitas, werden immer früher eingeschult und besuchen danach das Gymnasium in acht und nicht mehr in neun Jahren bis zum Abitur. Die soziale Reife der Kinder ist sehr wichtig, um im Leben überhaupt bestehen zu können. Sozial reift und wächst man allerdings am besten mit anderen Kindern. Einen tollen Spruch habe ich einmal irgendwo aufgeschnappt: Nicht der Kopf allein geht zur Schule, sondern das ganze Kind!“

Reiner Greve: „Die Ansprüche der Eltern wachsen parallel zu steigenden Kosten der Betreuungsplätze. Höhere Kosten bringen automatisch höhere Erwartungen und Anforderungen mit sich. Viele Kinder haben Schwierigkeiten, den Anforderungen ihrer Eltern gewachsen zu sein. Komplett verplante Wochen mit Terminkalender für Kinder sind keine Seltenheit mehr und machen die Überforderung der Kinder deutlich.“

Das Berufsbild der Erzieher/innen hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Was müssen Fachkräfte in der Kita heutzutage alles leisten?
Monika Meierotte: „Erzieher/innen und Leiterinnen haben heute ein anderes Aufgabengebiet der Eltern- und Kinderarbeit zu leisten. Wir vermitteln Ehe-, Erziehungs-, und Schuldnerberatung und haben ein Ohr für alle anderen Familienprobleme. Heute stellen wir weitaus mehr Kontakte zu Logopäden, Kinderpsychologen und Erziehungsberatungsstellen her, als dies noch vor 20 Jahren der Fall war. Hinzu kommen wichtige administrative Aufgaben. Die Leiterinnen führen beispielsweise Statistiken monatliche Belegungslisten aus.“

Reiner Greve: „Das Leistungsspektrum der Erzieher/innen ist enorm gewachsen. Neben den Anforderungen im pflegerischen Bereich sind vor allem die elektronischen Medien zu nennen, die vielen Erzieherinnen Probleme bereiten. Der Umgang mit einem PC ist nicht selbstverständlich. Darüber hinaus werden Fähigkeiten im musikalischen, naturwissenschaftlichen und sprachlichen Bereich besonders gefordert.“

Inwieweit tragen Bildungsprogramme wie die „Schlaumäuse“ dazu bei, die pädagogischen Fachkräfte zu entlasten?
Reiner Greve: „Vor allem die eben genannte Problematik im Hinblick auf die Nutzung moderner Medien macht deutlich, wie wichtig es ist, dass fähige Spezialisten gute Lernprogramme für Kinder entwickeln und bereit stellen, ohne dass vor Ort Fachleute notwendig sind, um diese zu nutzen. Somit ist gewährleistet, dass Kinder jederzeit Lernmöglichkeiten haben. Der Lerneffekt im sprachlichen Bereich ist von enormer Bedeutung, da Sprachförderung in heutigen Kitas einen besonderen Stellenwert hat. Hier bietet das Schlaumäuse-Programm eine wichtige Plattform.“

Monika Meierotte: „Die Schlaumäuse fördern die Phonetik bei den Kindern auf eine spielerische Art und Weise. Durch die ansprechende Gestaltung reizt es die Kinder sehr, sich immer wieder mit den Schlaumäusen zu beschäftigen. Die Ergebnisse können nachher einfach von den Erzieherinnen eingesehen werden und dann wird an den Defiziten konkret weitergearbeitet.“

Wie kann der komplexe Betreuungs- und Bildungsauftrag gelingen? Was raten Sie den Kitas zur erfolgreichen Umsetzung?
Reiner Greve: „Die Kommunikation mit den Kindern muss mehr darauf ausgerichtet sein, dass Kinder lernen, ihre Bedürfnisse zu erkennen und vor allem zu artikulieren. Dabei ist weniger immer mehr. Die Selbsterfahrung der Kinder muss wieder in den Fokus rücken. Zu viele vorgegebene Projekte und Aufgaben verhindern, dass Kinder eine Lebenswelt erleben, in der sie ihre eigenen Erfahrungen sammeln können.“

Monika Meierotte: „ Wir müssen offen bleiben für Neuerungen und uns nicht verschließen. Dazu benötigen wir Erzieherinnen mit viel Einfühlungsvermögen, Empathie und hohem Engagement. Ein Team, das sich ergänzt und sich gegenseitig trägt. Einen Träger mit Verständnis und Fürsorgepflicht und einfach das Herz am rechten Fleck. Mir macht mein Beruf nach 25 Jahren immer noch sehr viel Freude, ich kann sagen, mein Beruf ist zu meiner Berufung geworden, auch wenn sich die Rahmenbedingungen um 180 Grad gedreht haben.“