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Bei der Förderung der Sprachkompetenz der Kinder kann das Medium Computer wichtige Unterstützung leisten.

Lesearmut in Deutschland

Kinder brauchen eine frühzeitige und gezielte Sprachförderung

Die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, ist eine der zentralen Grundlagen für gute Bildungschancen, davon ist Dr. Simone Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen überzeugt.

Mit ihrer Arbeit möchte die Stiftung Lesen u. a. Eltern zum Vorlesen und Kinder zum Lesen motivieren. Wie die Leselust geweckt werden kann, beschreibt die 48-Jährige in einem Interview.
Sie leiten das Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. Welche Projekte stehen im Mittelpunkt Ihrer Arbeit?
Das Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen betreibt Grundlagen- und Begleitforschung in den Bereichen des Lesens, der Leseerziehung und der Mediennutzung. In regelmäßigen Befragungen finden wir heraus, wie es um die Situation des Vorlesens in Deutschland bestellt ist und überprüfen, wie effektiv die Projekte in der Leseförderung tatsächlich sind und wie man sie noch verbessern kann. Unser Ziel ist es, die Lesefreude und Lesekompetenz der Kinder zu stärken und ihnen damit von Anfang an bessere Bildungschancen zu ermöglichen.

Im November 2011 hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung gemeinsam mit der Stiftung Lesen die deutschlandweit größte Initiative zur Leseförderung „Lesestart - Drei Meilensteine für das Lesen“ gestartet. Was waren die Beweggründe?
In Deutschland gibt es einen hohen Anteil an Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Unter den Erwachsenen gehören rund 7,5 Millionen zu diesen sogenannten funktionalen Analphabeten. Unter den 15-jährigen haben 18,5 Prozent Probleme mit dem Verstehen von Texten! Auch ein Großteil der Kinder hat erhebliche Defizite. Ein aktueller Grundschulleistungsvergleich aller 16 Bundesländer macht deutlich, dass ein Drittel der Viertklässer die Regelstandards im Lesen nicht erfüllen, 12 Prozent nicht einmal die Mindestanforderungen.. Mit der Initiative „Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“ versuchen wir Eltern mithilfe von altersgerechten Lese-Start-Sets zu sensibilisieren und zu informieren, wie sie mit wenigen Mitteln etwas ganz Entscheidendes für ihre Kinder tun können. Und das am besten so früh wie möglich. Denn durch das Vorlesen und das Erzählen von Geschichten tragen die Familien wesentlich dazu bei, dass ihre Kinder frühzeitig gute Sprachfähigkeiten entwickeln.

Inwieweit werden die Kinder von der „Lesestart“-Initiative unterstützt?
„Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“ begleitet Kinder und Eltern in den entscheidenden frühen Jahren bis zum Eintritt in die Schule. Das Programm beginnt, wenn das Kind ein Jahr alt ist. Im Rahmen der verpflichtenden sechsten Vorsorgeuntersuchung U6 übergibt der behandelnde Kinderarzt den Eltern das erste Lesestart-Set mit einem altersgerechten Bilderbuch, mehrsprachigen Informationsmaterialien und einer DVD mit entsprechenden Anregungen und Lesetipps. Das zweite Lese-Paket erhalten die Kinder im Alter von drei Jahren. Ausgehändigt wird es in den örtlichen Bibliotheken, die dazu eng mit den Kindertagesstätten zusammenarbeiten. Kinder und Eltern lernen so einen zentralen Ort des Lesens und Vorlesens kennen, an dem sie ein großes Medienangebot nutzen können, ohne dafür selbst in die Tasche greifen zu müssen. Das dritte Lese-Set richtet sich an alle Schulanfänger. Es trägt dazu bei, die Kinder zum Selber-Lesen zu motivieren und die Eltern dafür zu sensibilisieren, dass die Kinder in dieser Schlüsselphase des Lernens in besonderem Maße auf ihre Hilfe angewiesen sind.

Warum ist Vorlesen ein elementarer Bestandteil in der Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes?
ermöglicht den Kindern, dass sie in die Welt der Geschichten eintauchen können. Dadurch entwickelt sich nicht nur ein Gefühl für Sprache, es beflügelt vor allem die Vorstellungskraft und Phantasie der Kinder. Idealerweise ist das Vorlesen ritualisiert in den Familienalltag eingebettet. Es wird zu bestimmten Zeiten oder an bestimmten Orten vorgelesen. Eine gemütliche Umgebung, die kuschelige Situation und die Nähe zu den Eltern spielen eine große Rolle, damit die Kinder Zugang zum Lesen bekommen. Lesen wird dann als etwas Schönes und Positives erlebt.

Wie viele Eltern in Deutschland lesen ihren Kindern regelmäßig etwas vor?
Seit 2007 hat das Institut für Lese- und Medienforschung mit verschiedenen Zielgruppen immer wieder Befragungen zum Thema Vorlesen gemacht. Wir sehen dort einen wiederkehrenden Befund, dass in etwa zwei von fünf Familien die Eltern nicht regelmäßig vorlesen. Das ist ein Wert, der zu hoch ist. Er zeigt, dass ein beträchtlicher Teil von Kindern nicht diese wichtige Erfahrung in ihren Familien machen kann. Dadurch fehlt ihnen eine entscheidende Basis, die wichtig für die Sprachentwicklung ist.

Kann eine Sprachlernsoftware wie die "Schlaumäuse" dazu beitragen, die Lesekompetenz zu unterstützen?
Eine Lernsoftware, die Spaß und Spiel idealerweise miteinander kombiniert, kann dazu beitragen dass Kinder, ohne es zu merken, zum Lesen animiert werden. Die richtige Medien-Mischung ist dabei entscheidend.

Können computergestützte Lernprogramme insbesondere Jungen zum Lesen motivieren?
Technische Angebote spielen für Kinder, die besonders technikaffin sind eine große Rolle. Generell interessieren sich Jungen häufiger für technische Geräte und bekommen in den Familien auch wesentlich früher solche technischen Geräte geschenkt als Mädchen. Über Technik kann man Jungen, die lesefern sind, häufig gut begeistern. Das empfinden sie „cooler“ als ein Buch aus dem Regal zu nehmen.

Welche Kinder sind besonders von der „Vorlesearmut“ betroffen?
Es gibt gewisse Risikofaktoren, die es eher wahrscheinlich machen, dass einem Kind nicht oder nur wenig vorgelesen wird. Ein entscheidender Faktor ist hier immer das Bildungsniveau der Eltern. Das heißt nicht, dass Eltern, die einen niedrigen oder gar keinen Schulabschluss haben, zwangsläufig nicht vorlesen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie es nicht tun, ist allerdings relativ hoch, weil bildungsferne Eltern häufig selbst nicht lesen. Damit fehlen den Kindern wichtige Lesevorbilder in den Familien. Unsere Studien zeigen aber: Gerade wenn in bildungsfernen Familien vorgelesen wird, bringt das den Kindern einen besonders großen Gewinn, z. B. bei den Schulnoten.

Welchen Einfluss hat das Vorlesen auf den späteren Schulerfolg? Sind "Vorlese"-Kinder die besseren Schüler?
Eine Sonderauswertung in den PISA-Daten bestätigt, dass das Vorlesen in der Familie in der frühen Kindheit Einfluss auf die Lesekompetenz und auf die Schulnoten hat. Auch unser Institut hat eine Studie zur längerfristigen Bedeutsamkeit des Vorlesens durchgeführt. Dazu wurden Kinder und Jugendliche zwischen 11- und 19 Jahren befragt. Die „Vorlese“-Kinder waren danach um eine Drittelschulnote besser, als die Kinder, denen nicht vorgelesen wurde. Dies betraf nicht nur Fächer wie Deutsch oder Fremdsprachen, sondern auch Mathematik, Physik und selbst Sport. Vorlesen macht natürlich nicht sportlich, aber das Vorlesen ist ein maßgeblicher Baustein in der Erziehung, der die Kinder in ihrer ganzheitlichen Entwicklung fördert.