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Analphabet trotz Schulabschluss

Mittwoch, 4 Januar, 2017
Stefanie Hoffmann
Aus der Praxis
Nicht nur in Entwicklungsländern wie in Afrika oder Indien können viele Menschen nicht lesen und schreiben –auch in Deutschland gibt es rund 7,5 Millionen Menschen, die so schlecht lesen und schreiben können, dass sie nur mit Mühe und Mogeleien am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können – und das, obwohl sie jahrelang zur Schule gegangen sind.

Eine Geschichte vorlesen, ein Antragsformular bei der Behörde ausfüllen oder den Beipackzettel eines Medikaments verstehen – eigentlich alltägliche Routineaufgaben, sollte man meinen. Doch genau daran scheitern Millionen von Erwachsenen in Deutschland, weil sie nicht richtig lesen und schreiben können. Rund 7,5 Millionen Menschen in Deutschland sind sogenannte funktionale Analphabeten. Das heißt: Sie können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, nicht jedoch zusammenhängende Texte wie zum Beispiel eine schriftliche Arbeitsanweisung. Auf etwa 14 Prozent der erwerbsfähigen Deutschen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren trifft das zu. Das hat die Studie "Level-One Survey (leo)" der Universität Hamburg bereits im Jahr 2011 festgestellt.
Analphabet trotz Schulabschluss
Was für viele Außenstehende unbegreiflich erscheint ist die Tatsache, dass vier von fünf funktionalen Analphabeten einen Schulabschluss haben, davon jeder Fünfte die Mittlere Reife, jeder Achte sogar Abitur. „Viele Betroffene werden in der Schule trotz ihrer Lese- und Schreibschwäche von den Lehrern mit durchgezogen“, sagt Ralf Häder, Geschäftsleiter des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung e.V. „Sie kompensieren ihre Defizite mit ihren mündlichen Leistungen“, so der Sozialpädagoge weiter.

Familie wird zu Co-Abhängigen
Viele der Betroffenen haben zumeist im engsten Familienkreis Vertrauens-personen, die in das Geheimnis eingeweiht sind. „Ich verwende in diesem Zusammenhang gerne den Begriff der Co-Abhängigkeit. Eltern oder Geschwister werden zu Mitspielern und nehmen den Betroffenen dann das Lesen und Schreiben ab“, erklärt Ralf Häder.

Traumatische Erlebnisse
Der Vater von vier Kindern weiß aus langjähriger Erfahrung, dass die Probleme bereits vor der Einschulung beginnen. „Normaler-weise werden Kinder mit einem großen Glücksgefühl eingeschult. Sie freuen sich darauf, endlich Lesen und Schreiben zu lernen. Wenn ein Kind vor der Einschulung aber etwas Traumatisches erlebt hat, wenn sich beispielsweise die Eltern getrennt haben, dann starten diese Kinder mit einer enormen seelischen Belastung. Unter diesen Umständen können sie sich nicht öffnen, um entspannt Lesen und Schreiben zu lernen. Soziale Zuschreibungen verlaufen relativ schnell und aus einem stillen, zurückhaltenden Kind wird dann schon bald ein dummes Kind“, sagt Häder. Sich aus eigener Kraft für das Lesen und Schreiben lernen zu motivieren, fällt ihnen schwer. Die Kinder merken, dass sie nicht mehr mithalten können. Das führt zu großen Frustrationen. Die Lehrer können den Nachzüglern meist nicht helfen, denn ihnen fehlen die Zeit und die speziellen Kompetenzen für eine individuelle Förderung.

Analphabetismus setzt sich fort
Auch das soziale Umfeld, in dem das Kind aufwächst spielt eine entscheidende Rolle. In vielen Fällen werde der funktionale Analphabetismus von Generation zu Generation weitergegeben. „In den betroffenen Ursprungsfamilien hat das Lesen von Büchern oftmals keinen hohen Stellenwert. Das Lesen oder Schreiben wird dort weder als besonders erstrebenswert angesehen, noch wird es besonders gefördert“, sagt Ralf Häder.

Eltern können sich nicht artikulieren
Anzeichen, die darauf hindeuten, dass ein Kind in solch einer spracharmen Umgebung aufwächst und dadurch in der Schule Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben könnte, sind bereits in der Kita ersichtlich. „Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn die Eltern nicht richtig lesen und schreiben oder sich in einem Gespräch nicht richtig artikulieren können“, beschreibt Ralf Häder. Er wünscht sich deshalb einen besseren Austausch zwischen den Kitaeinrichtungen und den Grundschulen, denn nur so könne den Kindern frühzeitig geholfen werden.

Vorlesefunktionen nutzen
„Wir als Gesellschaft müssen den Betroffenen Mut machen und sie nicht vorschnell verurteilen, dass sie trotz Schulbildung Schuld an ihrer Misere sind“, appelliert der Leiter des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung. Außerdem sei es wichtig, die Sprache in wichtigen Bereichen des alltäglichen Lebens zu vereinfachen. Viele Behörden beginnen bereits damit und integrieren beispielsweise Vorlesefunktionen auf ihren Webseiten. „Neue Technologien können das Leben der Betroffenen sehr erleichtern. Deshalb sollten sie auch unbedingt auf alle Angebote zurückgreifen, denn das kann sie in ihrer Entwicklung nur weiterbringen“, bestätigt Ralf Häder.

ALFA-Telefon bietet Hilfe
Einen Lese- und Schreibkurs zu besuchen erfordert viel Mut, sagt er. Umso mehr freut sich der Pädagoge, wenn die Betroffenen sich an die Mitarbeiter des ALFA-Telefons wenden. Die kostenlose Hotline des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung e. V. bietet anonyme Beratung für Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten und ihre Angehörigen. „Jeden Monat erhalten wir rund 100 Anrufer“, sagt Ralf Häder. Auch Krankenhäuser und Schuldnerberatungen nutzen inzwischen die Hotline, um Menschen mit Lese- und Schreibschwächen zu helfen. Für Ralf Häder ist dies ein positives Signal, denn Analphabetismus darf in einer modernen und toleranten Gesellschaft kein soziales Stigma mehr sein.

Weiterführende Informationen

ALFA-Telefon