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Kitas im digitalen Wandel

Mittwoch, 2 Mai, 2018
Catrin Krawinkel
Interview
Eva Reichert-Garschhammer ist Stellvertretende Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik. Ihr Institut verantwortet u.a. die Entwicklung und Implementierung von Bildungsplänen in Bayern und Hessen und entwickelt das Kitasystem im Kontext von Bildungsplänen weiter. Im Interview nimmt sie Stellung, ob und wie der digitale Wandel von Kitas in Deutschland gelingt.
Welchen Bildungsauftrag hat eine Kita hinsichtlich des Umgangs mit digitalen Medien?
Im Gemeinsamen Rahmen der Länder zur frühen Bildung in Kindertageseinrichtungen von 2004 ist festgelegt, dass der Bildungsauftrag der Kita auch Medienbildung und informatische Bildung als Bestandteil der MINT-Bildung umfasst. Kitas stehen mehr denn je in der Verantwortung, die veränderten Lebenswelten von Familien und Kindern in ihre pädagogische Arbeit einzubeziehen und Kinder zu unterstützen, sich in einer komplexen, von digitalen Medien und Technologie geprägten Welt zurechtzufinden, die sich zugleich immer schneller verändert. Dazu gehört auch, sich besonnen den Herausforderungen der weiten Verbreitung digitaler Medien im Leben junger Kinder zu stellen und dabei den UN-Kinderrechten auf Zugang, Bildung und Schutz in der digitalen Welt gleichermaßen zu entsprechen.

Welches Ziel hat die Stärkung digitaler Kompetenzen im Kitabereich?
Frühe digitale (Medien)Bbildung hat zum Ziel, die Medienkompetenz der Kinder zu stärken und Bildung mit und über Medien zu realisieren, da Medien im Bildungsprozess als Werkzeug und Inhalt bedeutsam sind. In der Kita sind daher Alltagssituationen und Bildungsaktivitäten zu schaffen, in denen das Kind lernt, Medien und informationstechnische Geräte, die im Alltag präsent sind, zu bedienen und sie kreativ, kritisch und in sozialer und ethischer Verantwortung zu nutzen. Dabei lernt es auch deren Bedeutung und verschiedene Verwendungsmöglichkeiten kennen.

Welche Rolle spielen digitale Medien in Kitas bei der Integration und Inklusion?
Die ehemalige Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hatte in der Debatte um den digitalen Wandel 2016 betont, dass wir mit digitaler Bildung aktuelle bildungspolitische Herausforderungen wie Integration von Flüchtlingen und Inklusion viel besser bewältigen können. Auch in dem vom BMBF 2016 vorgelegten Strategiepapier Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft wird betont, dass eine pädagogisch begleitete Nutzung digitaler Medien erhebliche Potenziale im Umgang mit der wachsenden Heterogenität und Vielfalt in Kita und Schule birgt und damit für inklusive Bildung.

Welches Medium sehen Sie als besonders Kita-tauglich an?
Kinder entwickeln digitale Kompetenzen über eigene Erfahrungen mit digitalen Medien begleitet durch Erwachsene. Mit ihrer einfachen Handhabung, mobilen Multifunktionalität und langen Akkulaufzeit stehen daher Tablets aktuell im fachlichen Fokus digital gestützter Bildungsarbeit mit Kindern in der Kita. Tablets vereinen eine Fülle kreativer Werkzeuge und Anwendungen. Sie erweisen sich im Kita-Alltag als ein ergänzendes und vielseitig verwendbares Werkzeug für Zwecke wie Information, Kommunikation, Kooperation, Dokumentation, Präsentation, Lesen, Lernen und kreatives Gestalten. Diese digitalen Alleskönner eröffnen viele neue pädagogische Gestaltungschancen bzw. interaktive Spiel- und Lernformen quer durch alle Bildungsbereiche. Tablets sind spontan und situationsorientiert im Alltag und auch bei Ausflügen und Waldtagen einsetzbar.

Wie gelingt es einer Kita, einen sicheren Umgang mit digitalen Medien zu gewährleisten?
Über die pädagogische Begleitung der Kinder bei der Mediennutzung hinaus ist es in der Kita notwendig, Tablets mit nutzerfreundlicher, guter Sicherheitstechnik anzuschaffen und diese gut zu sichern, bevor sie in Kinderhand gegeben werden, kindgerechte qualitätsvolle Medienangebote unter Beachtung der Altersangaben auszuwählen und zu prüfen und klare Regeln für eine lernanregende, gesunde und maßvolle Mediennutzung in der Kita mit den Kindern aufzustellen wie z.B. immer nur gemeinsame Tabletnutzung mit anderen Kindern. Die aktive Mediennutzung als Werkzeug in der Kita ermöglicht es, mit den Kindern kritische Gespräche über digitale Medien, deren Chancen und Risiken zu führen sowie über Sicherheitsthemen wie Recht am eigenen Bild, Urheberrechte oder Erkennen von Gefühlen, wenn mit ihnen z.B. Fotos für ihr Portfolio gemacht, Filme mit Musikuntermalung gedreht oder ihre Medienerfahrungen reflektiert werden. Anzusprechen ist auch die Wichtigkeit, die Geräte wieder auszuschalten, um ausreichend Zeit für andere Tätigkeiten zu haben.

Wo finden sie pädagogische Anregungen dazu?
Erste Praxistipps im Internet zum Einsatz digitaler Medien, insbesondere Tablets, finden sich in den niederschwellig konzipierten Portalen und Ran an Maus und Tablet und Medienkindergarten Wien und zum Thema Sicherheitsgespräche mit Kindern in der österreichischen Broschüre Safer Internet im Kindergarten. Die seit Januar 2017 eingerichtete Datenbank für Kindermedien im Portal Gutes Aufwachsen mit Medien unterstützt bei der Suche qualitätsgeprüfter Apps, Webseiten und Suchmaschinen für Kinder, ebenso die darin integrierte Datenbank Apps für Kinder am Deutschen Jugendinstitut, dessen Homepage auch Trendanalysen und Praxisberichte zum App-Einsatz bereithält. Mit ihrer Initiative Ein Netz für Kinder fördert die Bundesregierung die Schaffung guter digitaler Medien und sicherer Surfräume für Kinder, um ihren Einstieg ins Internet kindgerecht zu gestalten. Ideen zum Thema Informatik entdecken mit und ohne Computer, bei dem es auch um Programmieren, Roboter und Coding geht, finden Kitas im Portal Medienkindergarten Wien und seit September 2017 auch auf der Homepage der Stiftung Haus der kleinen Forscher, die hierzu auch ein Materialset und lokale Fortbildungen anbietet

Wie digital sind deutsche Kitas aktuell tatsächlich?
Obgleich Medienbildung seit Einführung der Bildungspläne verbindliche Kitaufgabe ist und in mehreren Ländern auch einige Qualifizierungsinitiativen bereits gelaufen sind, hat sie nach nationalem Forschungsstand bislang nur einen geringen Stellenwert in der frühpädagogischen Praxis und ebenso in der Aus-, Fort- und Weiterbildung erlangt. Deutsche Kitas befinden sich hier in einem enormen Spannungsfeld zwischen Medienbildungsauftrag, anhaltender Pro-und-Contra-Diskussion, die lange Zeit sehr emotional und polarisierend geführt wurde, und Unsicherheit, wie ein pädagogisch sinnvoller kreativer Medieneinsatz im Kitalltag konkret aussehen kann. Die Bedenken, die gegen eine digitale Mediennutzung in der Kita bis heute bei vielen Eltern, Fachkräften und Kitaträgern bestehen, beruhen auf der Vorstellung, dass das Gefahren- und Suchtpotential digitaler Medien für junge Kinder überwiegt und es deshalb noch den Medienschonraum Kita braucht. Dass es in der Kita nicht um ein mehr an Medienkonsum geht, sondern um kreative Formen der Mediennutzung und um die Stärkung der Kinder, mit Mediengefahren sicher und bewusst umzugehen, ist noch viel zu wenig im öffentlichen Bewusstsein angelangt.

Sind unsere Kitas denn technisch auf die digitale Welt vorbereitet?
Die unzureichende Medienausstattung ist eine der Gründe, weswegen Medienbildung in deutschen Kitas nie richtig Fuß gefasst hat. Ihre Medienausstattung für die Bildungsarbeit mit Kindern beschränkt sich in der Regel auf klassische Medien wie Bücher, CD-Player und digitale Fotokamera, hingegen sind in nur wenigen Kitas PCs auch für die Bildungsarbeit mit Kindern verfügbar. Selbst die Büroausstattung ist häufig auf einem unzureichenden und veralteten Stand, so dass viele Kitafachkräfte ihre privaten digitalen Endgeräte nutzen.

Ist keine Veränderung in Sicht?
Seit der Debatte um den digitalen Medieneinsatz auch in Kitas, die 2016 anfing, scheint sich das Blatt etwas zu wenden, da immer mehr Kitas nun auch von sich aus Tablets anschaffen. Deren All-in-one-Prinzip reduziert den Gerätekauf und schafft damit neue Kaufanreize. Dennoch werden es Kitas alleine aus eigener Kraft nicht schaffen, eine angemessen digitale Grundausstattung allerorten zu schaffen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch die im Rahmen mehrerer Evaluationsstudien in NRW gewonnene Erkenntnis, dass staatliche Investitionen in medienpädagogische Inhouse-Fortbildungen allein ins Leere laufen, wenn nicht zugleich in die medientechnische Infrastruktur investiert wird. Mit bloßer Technikanschaffung loslegen zu können, funktioniert ebenfalls nicht. Vielmehr lehrt die Erfahrung, dass Technik allein noch keine Pädagogik schafft.

Wie ist es um die medienpädagogische Kompetenz von Fachkräften bestellt?
Das Vertrauen pädagogischer Fachkräfte in die eigene medienpädagogische Kompetenz ist nach Studienlage gering, da Medienpädagogik in der Aus-, Fort- und Weiterbildung lange Zeit kaum vorkam bzw. medienpädagogische Fortbildungsangebote häufig mangels Interesse abgesagt werden mussten. In der Erzieherausbildung gibt es mittlerweile weiterentwickelte Lehrpläne, die Medienkompetenz als Querschnittsthema vorsehen. Allerdings finden sich darin noch keine Antworten auf die neuen Anforderungen und Fragen, die die Digitalisierung an Bildung stellt. Ein durchdachter, risikofreier Einsatz von Tablets, Apps & Co mit pädagogischem Mehrwert ist für Kita-Fachkräfte weitgehendes Neuland, für das sie Konzepte und Qualifizierung benötigen. Gerade auch mit Blick auf der kontroverse Diskussion besteht ein hoher Unterstützungsbedarf beim pädagogischen Kita-Personal, sich bei diesem heute bedeutsam gewordenen Thema klar zu positionieren, auch Eltern gegenüber, Selbstsicherheit bei einem reflektierten Einsatz digitaler Medien im pädagogischen Alltag zu erlangen sowie Eltern aktiv einzubeziehen, ihnen bei Fragen als kompetente Ansprechperson unterstützend zur Seite zu stehen.

Gibt es digitale Unterschiede zwischen Land- und Stadtkitas?
Es ist ein Irrtum, dass Stadtkitas in der Regel moderner in ihrer pädagogischen Praxis aufgestellt sind als Landkitas. So hat sich z.B. in Bayern im Rahmen des Aufbaus eines Netzwerks von Konsultationseinrichtungen gezeigt, dass es gerade auch auf dem Land sehr innovativ agierende Kitas gibt. Im digitalen Zeitalter und dessen ortsunabhängigen Informations- und Weiterbildungsmöglichkeiten über das Internet wird es gerade auch für Landkitas nochmals leichter, sich auf den Weg zur Kita im digitalen Wandel zu machen und erste Schritte zu gehen. Niederschwellige konzipierte Portale wie Ran an Maus und Tablet und Medienkindergarten Wien, die viele Anregungen zum sinnvollen Tableteinsatz in Kitas enthalten, sowie Onlinekonferenzen Weiterbilden im Portal Gutes Aufwachsen mit Medien, die beispielsweise über den Einsatz guter Kinderapps und Kinderwebseiten informieren, oder die Webinarfilme der Stiftung LesenStiftung Lesen über das Vorlesen mit Apps sind positive Entwicklungen, von denen Land- und Stadtkitas gleichermaßen profitieren. Allerdings ist es notwendig, Kitas über diese digitalen Unterstützungsangebote zu informieren und zugleich an sie zu appellieren, darüber hinaus auch Fortbildungen zu besuchen.

Wer unterstützt Kitas beim digitalen Wandel?
Der digitale Wandel stellt Bildung und das gesamte Bildungssystem vor viele neue Anforderungen und Fragen, die es zu lösen gilt. Wir haben einen immensen Forschungsbedarf und einen ebenso hohen konzeptionellen Entwicklungsbedarf. Die Forschungsvorhaben, die das Bundesbildungsministerium letztes Jahr ausschrieben haben, verdeutlichen dies. Auf Länderebene liefen und laufen seit einiger Zeit wissenschaftlich begleitete Modellprojekte mit Kitas u.a. in NRW, Rheinland-Pfalz, Bremen und demnächst in Bayern. Die Evaluationsberichte dieser Projekte sowie die daraus hervorgehenden pädagogischen und Fortbildungskonzepte und Praxismaterialien werden uns ein gutes Stück weiterbringen und den digitalen Transformationsprozess im Kitabereich in der Fläche erleichtern.