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Neue Wege zum Miteinander

Dienstag, 6 Februar, 2018
Catrin Krawinkel
Interview
Für fast alle Kinder der Stadtteil-Kita High-Deck in Berlin Neukölln ist die deutsche Sprache ihre Zweitsprache. Wie sich das Kitateam auf seine Aufgaben vorbereitet und wie die Erzieherinnen und Erzieher Integration vorantreiben, beschreibt Katrin Junge-Herberg im Gespräch.

Im Januar 2017 wurde die Kita High-Deck in Neukölln eröffnet – einem sozialen Brennpunkt, der mit rund 328.000 Einwohnern als der am dichtesten besiedelte Bezirk Berlins gilt. Inzwischen besuchen rund 80 Kinder die Kita. Der Großteil von ihnen hat einen Migrationshintergrund. Die Eltern der Kinder stammen meist aus arabischen Ländern wie zum Beispiel Irak, Libanon oder Palästina.

Kitaleiterin Katrin Junge-Herberg beschreibt in einem Interview, wie sich ihr Team auf den Kitaalltag vorbereitet, welche erwarteten Herausforderungen nicht eingetroffen sind und welche Rolle die Schlaumäuse spielen.
Wie haben Sie und Ihr 14-köpfiges Team sich darauf vorbereitet, dass Sie hauptsächlich Kinder betreuen, die arabische Wurzeln haben?
Bevor wir die Kita eröffnet haben, haben wir zwei Wochen lang intensiv im Team gearbeitet. Uns war es wichtig, den Familien unsere Dialogbereitschaft und unser ehrliches Interesse an anderen Kulturen von Anfang an zu zeigen. Dafür haben wir Rollenspiele gemacht und uns vorgestellt, wie wir uns fühlen würden, wenn wir in einer anderen Umgebung leben würden, wo andere Werte herrschen und eine fremde Sprache gesprochen wird. Darüber hinaus habe ich schon 2014 angefangen arabisch zu lernen, was mir jetzt auch hilft mich mit den Eltern besser verständigen zu können.

Gab es zu Beginn Befürchtungen in Ihrem Team?
Tatsächlich haben wir uns anfangs darüber Gedanken gemacht, ob wir überhaupt mit den Eltern kommunizieren können, da sie gerade im Elementarbereich alle aus arabischen Ländern stammen. Wir haben uns auch gefragt, ob die kulturellen Unterschiede ein Hindernis sein könnten. Alles in allem haben wir uns die Arbeit viel schwieriger vorgestellt, als sie tatsächlich ist.

Worauf legen Sie beim Verhältnis zu den Eltern besonders viel wert?
Wir nehmen uns viel Zeit für ausführliche Gespräche. Wir erkundigen uns nach ihren Lebensumständen und ihren Wünschen. Denn wir wollen eine Vertrauensbasis zu den Eltern aufbauen. Von daher schreiben wir ihnen auch nicht vor, dass ihre Kinder z.B. zu einer bestimmten Uhrzeit in der Kita sein müssen. Wir gehen auf sie zu, und wenn wir das Gefühl haben, dass etwas zum Wohle des Kindes verändert werden sollte, sprechen wir die Eltern an. Wir wissen, dass sie das Beste für ihre Kinder wollen. Deshalb sind sie auch schnell mit guten Argumenten zu überzeugen.

Können Sie ein solches Beispiele nennen?
Ein Junge hätte nach den Sommerferien nach nur 6 Monaten in der Kita eingeschult werden sollen, aber er konnte kaum Deutsch, was sich negativ auf seine Schulkarriere ausgewirkt hätte. Er blieb ein Jahr länger bei uns und spricht inzwischen perfekt deutsch. Grundsätzlich legen wir den Eltern ans Herz, zu Hause die Muttersprache mit den Kindern zu sprechen, statt sich an einem Sprachgemisch zu versuchen.

Wie schätzen Sie den Sprachstand der Kinder ein?
Sie können sich verständigen und sprechen alle inzwischen relativ gut. Kinder haben grundsätzlich eine schnelle Auffassungsgabe. Das gilt auch für Sprache.

Wie fördern Sie die deutsche Sprache im Kitaalltag?
Wir bevorzugen eine alltagsintegrierte Sprachförderung. Wir setzen Bücher und Lesestoff in spielerischer Form ein, auch in verschiedenen Sprachen. Auf diese Weise wollen wir den Kindern die Vielfalt an Sprachen demonstrieren. Wir reimen viel und begleiten diese mit Gesten und Körpersprache. Hinzu kommen musikalische und andere Sprachlernspiele. Die Schlaumäuse sind bei uns der Renner.

Wie meinen Sie das?
Viele der arabischen Kinder haben zuhause wenig oder überhaupt kein Spielzeug. Sie wachsen mit Smartphone und Tablet auf. Wir kennen sogar einen Eineinhalbjährigen, der ein Tablet besitzt. Diese Geräte sind für die Eltern ein Statussymbol. Da der Umgang mit Tablet und Co. zum Alltag der Kinder gehört, haben sie auch automatisch sofort einen Zugang zu dem Lernprogramm gefunden. Selbst die Kinder, die schwerer zu motivieren sind, sich mit der deutschen Sprache oder Medien zu beschäftigen haben dank der Schlaumäuse große Fortschritte gemacht. Das gilt auch für die Kinder mit Konzentrationsschwächen. Leider steht uns nur ein Tablet zur Verfügung, was bei 50 Kindern im Vorschulalter zu wenig ist. Aber dieses nutzen sie sehr gerne. Wir lassen eine Eieruhr mitlaufen. Wenn einer spielt, gucken die anderen zu.

Gibt es noch andere Unterschiede, die Kinder mit arabischen Wurzeln im Alltag aufweisen?
Vielen von ihnen wird zuhause nicht vorgelesen. Das ist nach unserer Wahrnehmung in den arabischen Familien nicht üblich. Von daher haben die Kinder auch keinen direkten Zugang zu Büchern. Statt uns hinzusetzen und ihnen vorzulesen, verbinden wir das Vorlesen mit einer Aktion, wie z.B. eine Höhle zu bauen, in der wir dann vorlesen. Das finden die Kinder dann auch sehr spannend.

Noch einmal zurück zu den Eltern. Engagieren diese sich auch aktiv in der Kita?
Auch wenn manche Eltern wenig oder kein Deutsch sprechen, so bringen sie dennoch viele Kompetenzen mit, die für uns sehr wertvoll sein können. So ist die Mutter eines dreijährigen Mädchens in ihrem Land Lehrerin gewesen. Zwei andere Mütter sind schon zu uns gekommen und haben mit den Kindern arabische Pizza gebacken. Auch das ist ein Teil unseres Kitaalltags. Ein sehr schöner Teil, der in naher Zukunft weiterwachsen soll.

Was wünschen Sie sich noch für die Zukunft Ihrer Kita?
Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung unserer Kita. Vielmehr würde ich mir ganz allgemein mehr Verständnis im Umgang mit Menschen aus anderen Ländern wünschen. Wir können uns nicht vorstellen, wie es ist, wenn man über einen unsicheren Aufenthaltsstatus verfügt und in einem Land nur geduldet ist und sich regelmäßig vor Behörden erklären muss. Auch der große Mangel an Kitaplätzen in sozialen Brennpunkten sollte weiter abgebaut werden. Denn genau in diesen Regionen leben viele Familien mit vielen Kindern.