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Was hast du gesagt?!

Freitag, 27 Oktober, 2017
Stefanie Hoffmann
Interview
Wann brauchen Kinder, die sprachlich ins Stolpern geraten, professionelle Unterstützung? Zwei Logopädinnen geben darauf eine Antwort!

Bei vielen Erziehungskräften und Grundschullehrern bestehen Unsicherheiten, wenn sie mit der Frage konfrontiert werden, ob ein Kind Sprachförderung erhalten soll. Wann liegen Sprachstörungen vor und wie lässt sich dem Kind helfen? Sandy Vogel und Kim Pralow von der Hanse-Logopädie in Hamburg sagen, worauf es ankommt.
Sie lispeln, stottern oder können Lautverbindungen nicht richtig aussprechen. Gerät ein Kind immer wieder sprachlich ins Stolpern, haben viele Eltern die Erwartung, dass Kita und Schule dieses „Problem“ schon richten werden. Doch in welchen Fällen ist das realistisch? Und wann ist eine professionelle Unterstützung notwendig? Wir haben mit den Logopädinnen Sandy Vogel und Kim Pralow von der Hanse-Logopädie aus Hamburg gesprochen.

Was können Erziehungskräfte leisten, wenn Kinder sprachliche Auffälligkeiten aufweisen? In welchen Fällen ist es ratsam, Experten um Hilfe zu bitten?
Kitas und Schulen können eine gute Einschätzung der jeweiligen Kinder abgeben und erkennen, welchen Entwicklungsstand sie im Vergleich zu anderen Gleichaltrigen haben. Um bei Unsicherheiten oder deutlichen sprachlichen Auffälligkeiten auf Nummer sicher zu gehen, ist es möglich, dass Ärzte auch zunächst nur eine Verordnung für eine Diagnostik beim Logopäden ausstellen. Wir sehen uns die Kinder dann eine, zwei oder drei Stunden an und im besten Fall schicken wir die Eltern mit dem Kind einfach wieder nach Hause. Nur, wenn eine professionelle Unterstützung wirklich nötig ist, empfehlen wir eine Weiterbehandlung.

Warum können Kita-Kräfte diese Herausforderung nicht alleine bewältigen?
Es kann nicht Aufgabe von Schulen und Kitas sein, die Sprachentwicklungs-störungen ihrer zu betreuenden Kinder zu beheben. Die Kollegen in den Einrichtungen leisten schon anderweitig genug wichtige Arbeit, sodass dieser der Logopädie obliegt. Außerdem sind die Rahmenbedingungen in Kitas und Schulen nicht ideal. Es ist meist beispielweise nicht möglich, Kinder eins zu eins zu betreuen, und in den Kleingruppen zur Sprachförderung kann nicht auf jede Individualität eingegangen werden. Die logopädischen Praxen hingegen sind mit den passenden Materialien und Fachkräften ausgestattet, um einen bestmöglichen Therapieerfolg zu erreichen.

Gibt es bestimmte „Alarmzeichen", die darauf hindeuten, dass ein Kind professionelle Unterstützung braucht?
Generell sollte darauf geachtet werden, ob das Kind durch seine sprachlichen Einschränkungen isoliert wird. Spielt es vermehrt alleine oder kommt es sogar zu häufigen Konflikten mit anderen Kindern aufgrund der Defizite? In solchen Fällen sind der Leidensdruck und das Störungsbewusstsein der Kinder sehr hoch und es sollte auf jeden Fall professionell interveniert werden, um hier schnell Abhilfe zu schaffen. Ansonsten gibt es für jedes Alter eine grobe Übersicht, was Kinder sprachlich können sollten. Überblicke hierüber erhält man beispielsweise auf den verschiedenen Seiten der Berufsverbände, beispielsweise des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie. Mit Hilfe des speziellen Beobachtungsverfahren `Meilensteine der Sprachentwicklung` kann man eine grobe Einschätzung vornehmen, ob es sinnvoll sein kann, das Kind einmal genauer diagnostizieren zu lassen.

Welche Formen der kindlichen Sprach- und Sprechstörungen sind die häufigsten?
In unserer Praxis erleben wir die verschiedensten kindlichen Störungsbilder. Diese reichen von Aussprachestörungen, über Dysgrammatismen und Wortschatzdefizite bis zu kindlichen Stimmstörungen. Auch stotternde oder polternde Kinder sehen wir in unserem Alltag.

Warum treten diese Störungen auf?
Auch hier gibt es nicht DIE Antwort. Ursachen für Sprachentwicklungs-störungen können vielfältig sein. So kann zum Beispiel eine anhaltende Mittelohrentzündung oder eine nicht erkannte Hörminderung Grund für eine Artikulationsstörung sein. Kinder, die Laute nicht richtig hören und unterscheiden lernen, werden diese selber unter Umständen auch nicht korrekt benutzen und so wird dann aus einem `Käse‘ auch einmal ein `Täse`. Zu berücksichtigen sind natürlich auch komplexere Umstände, bei denen beispielsweise ein Down-Syndrom oder eine Autismus-Spektrums-Störung zu Grunde liegen. Auch in solchen Fällen treten Sprachentwicklungsstörungen auf.

Was machen Sie als Logopädinnen, um den Kindern zu helfen?
Zu Beginn jeder Therapie müssen zunächst alle Problembereiche ausfindig gemacht werden, denn häufig verstecken sich noch mehr Defizite, die jedoch nicht im Vordergrund gesehen wurden. Hierfür führen wir eine ausführliche Diagnostik durch, in der wir beispielsweise die Bereiche Wortschatz, Aussprache und Grammatik testen. Je nach Störungslage erstellen wir dann geeignete Therapieziele, die erreicht werden sollen.

In welchem Alter kann eine Therapie beginnen?
Die kleinsten sind bei uns meist um die drei Jahre alt, wobei eine Therapie auch bereits früher erfolgen kann. Stellt sich beispielsweise keine Sprachentwicklung ein oder lernt das Kind nur sehr langsam neue Wörter, ist eine frühere Förderung ratsam. Es gilt jedoch, je früher die Therapie begonnen wird, desto leichter fällt den Kindern meist das Lernen und desto besser lassen sich Spätfolgen vermeiden. Je früher eine Sprachstörung erkannt wird, umso besser.

Wie eng arbeiten Sie mit Kitas und Grundschulen zusammen?
Wir freuen uns generell sehr über den interdisziplinären Austausch mit Kolleginnen und Kollegen in Schulen und Kitas. Sowohl ihr, als auch unser Alltag ist jedoch sehr ausgelastet, sodass es oft schwierig ist, den Kontakt herzustellen.

Welchen Anteil tragen die Eltern an der Sprachschwäche ihrer Kinder?
Unter Umständen gar keine. Nicht immer ist mangelnde Ansprache oder emotionale Vernachlässigung der Kinder durch ihre Eltern Grund und Ursache für eine Sprachentwicklungsstörung. Wie bereits erwähnt gibt es vielfältige Gründe für eine Störung und manchmal kann die Ursache auch einfach nicht gefunden werden. Es lohnt sich also nicht, Eltern pauschal zu beschuldigen. In der Praxis erleben wir jedoch auch, dass Therapien häufig abgesagt werden oder Hausaufgaben nicht erledigt werden. In diesem Fall kann man den Eltern zumindest eine Mitschuld am langsamen Voranschreiten der Therapie geben. Hier sind die Bezugspersonen wirklich in der Verantwortung, denn die Kinder sind meist noch zu klein, um selbst zu bestimmen, ob sie zur Therapie gehen und ihre Hausaufgaben erledigen.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder zu unterstützen?
Das Wichtigste für die sprachliche Entwicklung von Kindern sind Ansprache und Zuwendung durch ihr soziales Umfeld. Werden den Kindern keine neuen Impulse geboten oder sie emotional vernachlässigt, kann sich dies in einer Sprachentwicklungsstörung zeigen. Wir wünschen uns daher von den Eltern, dass sie ihren Kindern die Welt zeigen, ihnen neue Eindrücke vermitteln und ihnen sprachlich ein Vorbild sind.

Können computergestützte Sprachprogramme wie z.B. "Die Schlaumäuse" dazu beitragen, die Lust auf Sprache zu wecken und einen spielerischen Umgang damit zu fördern?
Als Unterstützung bewerten wir den Umgang mit computergestützten Programmen positiv. Der Alltag der Kinder wird stets digitaler und so müssen wir uns auch in der Praxis dem Wandel anpassen und neue Impulse schaffen. Trotzdem bleiben wir Verfechter einer gesunden Mischung. Sprachentwicklung geschieht vor allem durch Interaktion und Ansprache. Dies kann eine App oder ein Computerprogramm unterstützen, aber nicht ersetzen. Eltern sollte bewusst sein, dass es sich trotzdem lohnt, mit ihren Kindern auch einmal ein Buch anzusehen.