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Kitakräfte und Lehrer sind überfordert

Freitag, 3 November, 2017
Stefanie Hoffmann
Interview
Sprache ist der Schlüssel zur Integration, heißt es so einfach. Konnten die ersten Flüchtlingskinder, die seit rund zwei Jahren in Deutschland leben, diese „Eingangstür“ bereits öffnen? Prof. Dr. phil. Petra Schulz, Expertin für Deutsch als Zweitsprache, von der Goethe-Universität Frankfurt weiß, warum diese Frage noch verneint werden muss.

Seit dem Sommersemester 2006 hat Prof. Dr. phil. Petra Schulz den Lehrstuhl für Deutsch als Zweitsprache an der Goethe-Universität Frankfurt inne. Der Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit liegt dabei in der Erforschung des kindlichen Spracherwerbs. Wir haben mit der Sprachexpertin über die Sprachentwicklung der Flüchtlingskinder in Deutschland gesprochen.
Seit zwei Jahren gehen Flüchtlingskinder in Deutschland in Kitas und Schulen. Wissen Sie, wie viele es genau sind?
Da Bildungsfragen grundsätzlich in den Zuständigkeitsbereich der einzelnen Bundesländer fallen, gibt es dazu leider noch keine verlässlichen Zahlen, die das gesamte Bundesgebiet umfassen.

Haben Sie in Hessen bereits nähere Untersuchungen dazu durchgeführt?
Es gibt dazu bereits vergleichbare Zahlen aus anderen Studien. Im Land Hessen beispielsweise kennt man den Anteil der drei- bis sechsjährigen Kinder mit Migrationshintergrund, die eine Kita besuchen. Dabei wurde festgestellt, dass 92 Prozent von ihnen eine Kindertageseinrichtung besuchen. Die Tendenz ist steigend. Das weit verbreitete Gerücht, dass Kinder aus ausländischen Familien zuhause betreut werden und nicht in den Kindergarten gehen, stimmt also nicht! Das ist eine ganz wichtige Botschaft!

Gibt es bereits Informationen zum Sprachstand von den geflüchteten Kindern?
Als Spracherwerbsforscherin befasse ich mich mit der Sprachentwicklung von Kindern, die einsprachig oder mehrsprachig aufwachsen. Mehrsprachig können Kinder mit Fluchterfahrung sein, aber auch andere Kinder mit Migrationshintergrund oder Kinder, die in Deutschland geboren sind.

Das bedeutet, dass Sie Flüchtlingskinder nicht gesondert betrachten?
Die Sprachentwicklung ist für ein dreijähriges Kind, das aus Polen stammt und mit den Eltern nach Hamburg zieht, nicht anders, als wenn ein gleichaltriges Kind eine schreckliche Fluchterfahrung gemacht hat und dann in Frankfurt in den Kindergarten kommt. Für die Sprachentwicklung sind die Voraussetzungen beim Kind relativ gleich: Je jünger die Kinder sind, desto leichter lernen sie eine neue Sprache.

Hemmen die traumatischen Erlebnisse das Sprachvermögen? Sind die Kinder dadurch in ihrer Sprache blockiert?
Es gibt viele Vorurteile und Mythen gegenüber mehrsprachigen Kindern. All
das wird natürlich auch auf die Kinder mit Fluchterfahrung bezogen. Ein Beispiel: Wenn ein Kind Englisch und Chinesisch spricht und mit seinen beruflich erfolgreichen Eltern nach Deutschland zieht, macht sich meist niemand Gedanken darüber, ob das dem Kind zu viel ist, weil es seine Heimat verlassen musste. Spricht das Kind allerdings Türkisch, Albanisch oder Arabisch, fragen sich viele plötzlich, ob dieses Kind denn jemals die deutsche Sprache lernen wird. Das ist natürlich Unsinn. Kinder sind sehr robuste Sprachlerner! Was stimmt ist, dass mehrsprachige Kinder immer eine dominante und eine weniger dominante Sprache haben, wenn sie zweisprachig aufwachsen.

Wie macht sich das bei diesen Kindern sprachlich bemerkbar?
Es gibt bei Kindern die zweisprachig aufwachsen manchmal eine Phase des passiven Bilingualismus. Die Kinder verstehen beide Sprachen, aber die eine wollen sie einfach nicht sprechen. Persönliche Erfahrungen, wie z.B. eine Flucht oder eine unangenehme Erinnerung, die mit dieser einen Sprache zu tun hat, können dazu führen, dass diese Sprache abgelehnt wird. Aber das betrifft nicht nur Kinder mit Fluchterfahrung. Natürlich wirkt sich ein Fluchterlebnis auf die Beziehung zur Sprache aus, aber nicht in einem Maße, dass wir uns als Spracherwerbsforscher Sorgen machen, dass die Kinder nicht in der Lage wären, das Deutsche zu lernen, weil sie blockiert sind.

Gilt das auch für ältere Flüchtlingskinder?
Wenn ein Kind sieben, zehn oder zwölf Jahre alt ist und eine Fluchterfahrung gemacht hat und in eine Umgebung kommt, die es als fremd oder abweisend empfindet, kann es sein, dass es die deutsche Sprache bewusst ablehnt. Aber auch dann ist das Kind nicht blockiert, sondern einfach nur demotiviert.

Wie gehen Erzieher und Grundschullehrer mit der Herausforderung um?
Es gab solche Situationen bereits zuvor. Während des Kosovo-Krieges kamen ebenfalls viele Kinder und Jugendliche nach Deutschland. Jetzt findet es nur in einem viel größeren Ausmaß statt. Schon vor dieser Flüchtlingskrise gab es jedoch viel zu wenige Fachkräfte, die viel zu wenig Zeit haben, sich um die Sprache der Kinder zu kümmern. Aufgrund der hohen Zahlen wird es jetzt noch schwieriger, zumal die Kinder noch ganz andere Sorgen mitbringen.

Können Sprachlernprogramme wie die „Schlaumäuse“ Flüchtlingskindern beim Spracherwerb helfen?
Rein wissenschaftlich betrachtet ist es ja erstmal ein Lernmedium, und das ist genauso gut wie die Art, in der es vermittelt wird. Je nachdem wie es in den Alltag eingebettet wird, ist es eine gute Möglichkeit, um individuelle Lerngelegenheiten anzubieten. Wenn das Programm kompetent eingesetzt wird, d.h. für ein bestimmtes Ziel, für eine bestimmte Zeit und wenn der Lernerfolg kontrolliert wird, ist das sicher hilfreich. Wenn man allerdings glaubt, dass man durch Programme Fachkräfte ersetzen kann, dann wäre das ein verhängnisvoller Fehlschluss.

Wie können Lehrkräfte älteren Kindern beim Spracherwerb helfen, die keine Chance hatten, in die Kita zu gehen?
Die Lehrer sind nur so gut, wie man Zeit hatte, sie gut auszubilden. Und wie sie Zeit im Schulalltag für die Schüler haben. Beides ist nicht ausreichend vorhanden. Das ist fatal! Wir machen in unseren Fortbildungen die Erfahrung, dass Lehrer wie Erzieher sehr motiviert sind. Sie wollen sich gerne weiterbilden und leiden darunter, dass sie in ihrer Ausbildung Deutsch als Zweitsprache nicht ausreichend behandelt haben, zum Beispiel weil das Studium einfach zu kurz ist. Außerdem kämpfen sie in der Alltagspraxis häufig mit zu großen Klassen und haben so einfach keine Zeit, sich um einzelne Kinder zu kümmern.

Was wäre Ihre Wunschvorstellung?
Gut ausgebildete Fachkräfte in Kita und Schule, die die Fähigkeiten der Kinder in ihren Erstsprachen einbeziehen und die nicht vergessen, dass die Kinder schon viel können. Und Fachkräfte, die Zeit und Ruhe haben, mit dem Kind in Dialog zu treten. Damit Kinder die neue Sprache erlernen können, ist es nämlich wichtig, viel und variationsreich mit ihnen zu sprechen und das eigene Handeln auch sprachlich zu begleiten.

Wie kann dieser Idealzustand erreicht werden?
Deutsch als Zweitsprache muss in der Ausbildung ein verbindliches Modul für alle angehenden Lehr- und Kitakräfte sein! Es ist wichtig, dass alle Lehrer die deutsche Sprache erklären und vermitteln können! Sonst verpassen die Schülerinnen und Schüler eine wichtige Lernchance, auch auf den weiterführenden Schulen. Denn was nützt der beste Chemielehrer, wenn er nicht versteht, wie wichtig Sprache auch für sein Fach ist!